VET REKORDER #7: Dermatologie als Detektivarbeit

Ariane Neuber Watts über Allergien, Kommunikation und moderne Veterinärdermatologie

Allergische Hauterkrankungen gehören zu den häufigsten chronischen und gleichzeitig zu den komplexesten Problemen in der Kleintiermedizin. Für die Dermatologin Dr. Ariane Neuber Watts sind sie seit mehr als 25 Jahren Mittelpunkt ihrer Arbeit. In ihrer auf Dermatologie spezialisierten Praxis in Königswinter sprach sie mit Sascha Schiffbauer für den Podcast VET REKORDER über ihren beruflichen Weg, den Umgang mit chronischen Hautpatienten und die Herausforderungen moderner Allergietherapie.

Hoher Kommunikationsbedarf

Dermatologie sei ein Fach für kommunikative Persönlichkeiten, sagt Watts. Wer nicht gerne erkläre, werde in diesem Gebiet kaum glücklich. Denn Hauterkrankungen sind selten schnelle Erfolgsgeschichten. „Wenn man als Dermatolog:in nicht gerne redet, dann ist man verloren“, beschreibt sie die Realität des Fachs. Tierhalter:innen müssten immer wieder über Diagnostik, Therapieoptionen und langfristige Strategien aufgeklärt werden. Gleichzeitig sei kein Patient wie der andere. Obwohl etwa 90 % der Fälle in ihrer Praxis Allergiker sind, kann sich die klinische Präsentation sehr unterschiedlich zeigen, etwa als rezidivierende Otitis, Pfotenentzündung oder generalisierter Juckreiz. Gerade diese Variabilität mache das Fach für sie bis heute spannend.

Wenn Allergien oder andere Faktoren das Gleichgewicht stören, können einzelne Mikroorganismen überhandnehmen, ähnlich wie ein Teich, der durch übermäßiges Füttern der Enten „umkippt“.

Dr. Ariane Neuber Watts, Spezialistenpraxis Hund Katze Haut

Weg zur Spezialisierung

Der Impuls für die dermatologische Laufbahn entstand während eines Praktikums in London. In einer Praxis mit täglich wechselnden Visiting Specialists erlebte Watts erstmals, wie spezialisierte Veterinärmedizin im Alltag funktionieren kann. Besonders prägend war dabei ein Dermatologe, der sich Zeit nahm, Fälle ausführlich zu erklären. Schnell wurde klar: Auch wenn viele dermatologische Erkrankungen nicht heilbar sind, lässt sich die Lebensqualität der Tiere erheblich verbessern. „Man kann zwar die Tiere nicht heilen, aber man kann ihnen eine enorme Lebensqualität zurückgeben“, sagt Watts. Nach ersten Jahren in der Allgemeinpraxis folgten ein Internship am Animal Health Trust (AHT) in Newarket sowie eine Residency in Edinburgh. Rückblickend hält sie die Kombination aus Allgemeinpraxis und Spezialisierung für entscheidend: Wer dermatologische Fälle beurteilen wolle, müsse auch den gesamten Patienten im Blick behalten.

Dermatologie als Teamarbeit mit der Praxis

Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist die enge Zusammenarbeit mit überweisenden Tierarztpraxen. Watts versteht ihre Praxis ausdrücklich als Ergänzung zur Allgemeinmedizin. „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Unterstützung“, betont sie. Entsprechend konzentriert sich die Praxis konsequent auf dermatologische Fragestellungen. Impfungen oder Routineleistungen werden bewusst nicht angeboten. Befunde und Therapieempfehlungen werden systematisch an die überweisenden Kolleg:innen zurückgemeldet. Die Gründe für eine Überweisung seien dabei vielfältig. Neben komplexen Krankheitsbildern spiele auch das Management anspruchsvoller Tierhalter:innen eine Rolle. In der Praxis wird dies mit einem Augenzwinkern als „Dreiklang aus Krankheit, Tier und Besitzer:innen“ beschrieben.

Allergien als zentrales Thema

Der mit Abstand größte Anteil der Patienten sind allergische Hunde und Katzen. Besonders häufig sieht Watts Fälle mit chronischer Otitis, Pruritus, Pfotenentzündungen oder sekundären bakteriellen und Malassezieninfektionen. Allergische Hauterkrankungen gehören damit zu den häufigsten Vorstellungsgründen in der dermatologischen Praxis – gleichzeitig zählen sie zu den komplexesten Krankheitsbildern der Kleintiermedizin. Dabei rückt zunehmend das Konzept der Dysbiose in den Fokus. Hautinfektionen seien oft nicht primär bakteriell bedingt, sondern Folge eines gestörten mikrobiellen Gleichgewichts. Zur Erklärung nutzt Watts gerne ein anschauliches Bild: Die Haut sei wie ein Ökosystem. Wenn Allergien oder andere Faktoren das Gleichgewicht stören, können einzelne Mikroorganismen überhandnehmen, ähnlich wie ein Teich, der durch übermäßiges Füttern der Enten „umkippt“.

Therapeutisch bedeutet das: Neben der Behandlung der Infektion muss immer auch die zugrunde liegende Allergie adressiert werden. In vielen Fällen reicht es nicht aus, einzelne Symptome zu behandeln. Vielmehr gehe es darum, ein individuelles Managementkonzept zu entwickeln, das mögliche Allergene, die Hautbarriere, Parasitenprophylaxe und mikrobiologische Faktoren gleichermaßen berücksichtigt. Eine zentrale Rolle spielt dabei weiterhin die allergenspezifische Immuntherapie. Sie bleibt für Watts der einzige Ansatz, der tatsächlich an der Ursache der Erkrankung ansetzt. Moderne Medikamente können den Juckreiz effektiv kontrollieren und die Lebensqualität deutlich verbessern – langfristig entscheidend ist jedoch ein individuell abgestimmtes Gesamtkonzept für jeden Patienten.

Ab dem 15. März 2026 kann sich die neue Folge des VET REKORDER #7 mit Dr. Ariane Neuber Watts angehört werden."

Sascha Schiffbauer, VET REKORDER

Moderne Therapieoptionen und ihre Grenzen

Die therapeutischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren deutlich erweitert. Januskinase-Inhibitoren, monoklonale Antikörper und verbesserte Immuntherapien ermöglichen heute deutlich präzisere Behandlungsstrategien für allergische Hauterkrankungen. Ein Bereich, in dem Watts noch erheblichen Entwicklungsbedarf sieht, ist die feline Dermatologie. Für Katzen stehen deutlich weniger zugelassene Medikamente zur Verfügung als für Hunde – insbesondere moderne Biologika. „Wenn wir einmal im Monat eine Injektion geben könnten, wäre das für viele Katzenpatienten ein großer Fortschritt“, sagt sie.

Auch digitale Prozesse spielen in der Praxis eine zunehmende Rolle. Anamnesebögen werden vor dem Termin online ausgefüllt, Terminbuchungen sind digital möglich und Befundberichte werden überwiegend elektronisch versendet. Videosprechstunden nutzt Watts vor allem für Verlaufskontrollen, etwa bei Katzen, für die Transport und Praxisbesuch besonders stressreich sind. Für Erstdiagnosen bleibt jedoch die klinische Untersuchung unverzichtbar.

Zwischen Dr. Google und Vertrauen

Eine Herausforderung bleibt der Umgang mit Informationen aus dem Internet. Tierhalter:innen informieren sich zunehmend selbst – leider mit sehr unterschiedlicher Qualität der Quellen. Während fundierte Informationen hilfreich sein können, erschweren soziale Medien oder fragwürdige Onlineberichte manchmal die Therapie. Entscheidend sei deshalb eine stabile Vertrauensbasis zwischen Tierärzt:innen und Tierhalter:innen. „Am Ende kommt es darauf an: Vertrauen die Besitzer:innen eher Facebook oder uns?“, fasst Watts die Situation zusammen.

Trotz aller Herausforderungen bleibt für Ariane Neuber Watts die Motivation klar: Dermatologie bedeutet, chronisch erkrankten Tieren und ihren Besitzer:innen langfristig zu helfen. Wenn ein Patient nach Monaten endlich wieder ohne Juckreiz schlafen kann und das Fell nachwächst, sei das ein besonders befriedigender Moment. Für sie ist genau das der Kern des Fachs: Lebensqualität nicht nur dem Tier, sondern oft der ganzen Familie zurückzugeben.

Andreas Moll

Seit dem 15. März 2026 kann sich die neue Folge des VET REKORDER #7 mit Dr. Ariane Neuber Watts angehört werden.