Bessere Medizin durch bessere Strukturen!
Ein Netzwerk aus mittlerweile 108 Standorten und 1900 Mitarbeitenden, wachsender Druck im Notdienst, steigende Erwartungen von Tierhalter:innen und eine Branche, die an ihre Grenzen kommt. Tierarzt Plus Partner (TPP) gehört damit zu den prägenden Akteuren im Markt. In der Berliner Firmenzentrale habe ich Mitgründer Fabian Kröll, CFO Ulrich Feisst und den jüngst berufenen COO Marcel Reijers getroffen, um darüber zu sprechen, wie der Leitspruch "Bessere Tiermedizin durch bessere Strukturen" weiterentwickelt wird.
Vier-Säulen-System einer „gesunden“ Tiermedizin
Wie dieses System im Alltag tatsächlich funktioniert, wollte COO Marcel Reijers nicht vom Schreibtisch aus entscheiden. In seinen ersten Wochen hat er rund 35 Standorte persönlich besucht, Teams kennengelernt, Abläufe beobachtet und nachgefragt, wo der Schuh drückt. "Ich bin selbst Tierarzt und weiß, dass, um eine gute Diagnose zu stellen, eine gründliche Untersuchung erfolgen muss", erklärt Reijers, der zuvor internationale Erfahrung im Aufbau und in der Führung großer Praxisgruppen gesammelt hat. Er hat im Rahmen seiner "Roadshow" eine hohe medizinische Qualität, engagierte Teams, funktionierende Strukturen vorgefunden. Für ihn basiert „gesunde Tiermedizin“ auf vier Säulen: motivierte Mitarbeitende, zufriedene Tierhalter:innen, hohe medizinische Qualität und wirtschaftliche Stabilität. „Wenn Team, Kund:innen und medizinische Qualität stimmen, dann sind wir auch wirtschaftlich gesund“, fasst er zusammen.
Auch auf Managementebene wird diese Haltung gespiegelt. Zahlen, so Ulrich Feisst, seien kein Selbstzweck: „Ich verstehe die Zahlen erst, wenn ich das Geschäft dahinter gesehen habe.“ Wirtschaftliche Steuerung darf laut Feisst nicht losgelöst von der Realität in der Praxis stattfinden. Stattdessen setzt TPP auf Transparenz und Verständlichkeit, etwa durch einfach lesbare Kennzahlen statt klassischer BWA. Auffällig ist die konsequente Fokussierung auf Entlastung. Administrative Aufgaben werden zentralisiert und, das ist dem TPP-Team besonders wichtig, in Deutschland gehalten. Fabian Kröll ergänzt: "Wichtig ist, dass die Prozesse funktionieren, Gehälter verlässlich überwiesen werden und bei Fragen Ansprechpartner:innen erreichbar sind und Probleme lösen können."
Gleichzeitig bleibt das Netzwerk bewusst selektiv. Partnerschaft ist bei TPP kein Schlagwort, sondern Zugangskriterium. „Eine gute Partnerschaft ist die, die alle wollen und keiner muss“, beschreibt Kröll das Selbstverständnis. Entscheidend sei, dass Geben und Nehmen im Gleichgewicht bleiben, und dass nicht jede Praxis automatisch ins Netzwerk passt. Diese Haltung zeigt sich auch im Umgang mit Feedback. Zufriedenheitsumfragen werden regelmäßig durchgeführt, Ergebnisse transparent gemacht und konkrete Verbesserungen abgeleitet. Für Kröll ist klar: „Zuhören ist das eine, aber entscheidend ist, dass danach auch sichtbar etwas besser wird.“
Spannungsfeld Standardisierung
Ein zentrales Spannungsfeld bleibt die Standardisierung. TPP versucht, notwendige Strukturen einzuführen, ohne die individuelle Praxisidentität zu verlieren. Wo Standards einen echten Mehrwert schaffen, werden sie akzeptiert. Strategisch denkt TPP inzwischen deutlich weiter als klassische Praxisnetzwerke.
Neben dem flächendeckenden Ausbau rücken digitale und strukturelle Lösungen stärker in den Fokus. Dazu gehört auch die Telemedizin, die intern weiterhin als zentraler Baustein gesehen wird, vor allem als Antwort auf die Überlastung im Notdienst. Ein Pilotprojekt in Schleswig-Holstein zeigt, wohin die Entwicklung gehen könnte: Telemedizin als vorgeschaltete Instanz im Notdienst, ein Modell, das helfen könnte, die Belastung in der Fläche spürbar zu reduzieren. Der Ansatz ist pragmatisch und aus Sicht von Kröll logisch: „Der Bedarf ist da, und wir sehen, dass solche Lösungen funktionieren.“
„Herzensmenschen“
Trotz aller Struktur bleibt die emotionale Dimension des Berufs besonders prägend. Reijers beschreibt seine Eindrücke aus den Praxisbesuchen so: „Das sind Herzensmenschen. Mein Herz ist aufgegangen, als ich das gesehen habe.“ Doch genau darin liegt auch die Herausforderung. Hohe Identifikation, hohe Belastung, steigende Erwartungen. Burnout, Notdienstproblematik, Personalmangel – all das ist Realität. TPP reagiert darauf mit neuen Ansätzen, etwa durch externe psychologische Unterstützung für Mitarbeitende. Parallel investiert TPP in Bildung und Vernetzung. Mit einer eigenen Akademie, digitalen Lernplattformen und neuen Campus-Strukturen entsteht ein internes Fortbildungssystem, das perspektivisch auch nach außen geöffnet werden könnte.
Tierarzt Plus Partner zeigt, welchen Weg ein Teil der Branche aktuell einschlägt, nicht als Gegenmodell zur Einzelpraxis, sondern als Antwort auf wachsenden Druck. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Strukturen zu schaffen, die entlasten, ohne das zu verlieren, was Tiermedizin im Kern ausmacht: Nähe, Verantwortung und Qualität.
Andreas Moll