Gastroenterologie neu gedacht: Mikrobiom-Sprechstunde der LMU München

Fynn, ein dreijähriger Zwergspitz-Rüde, wird in der Mikrobiom-Sprechstunde vorgestellt. Seit mehreren Monaten zeigt er rezidivierendes Erbrechen – und das mehrmals pro Woche. Tierärztin Clara Stumpf fragt strukturiert, ruhig und präzise: Fütterung, Konsistenz des Kots, Häufigkeit der Symptome, Verhalten, Stresslevel, Vorerkrankungen, Reisen. Selbst scheinbar nebensächliche Aspekte werden systematisch eingeordnet. In der anschließenden Teambesprechung wird der Fall von Fynn noch einmal analysiert: neben der Auswahl geeigneter Medikamente spielt die Wahl der richtigen Diät eine wichtige Rolle und nicht zuletzt die praktische Umsetzbarkeit der Therapie in den Alltag. Dabei werden die Wünsche, Erwartungen und auch die Sorgen der Besitzer:innen bewusst und aktiv einbezogen. Denn nur wenn die Therapie für die Tierhalter:innen realistisch umsetzbar ist, kann sie langfristig erfolgreich sein. Gemeinsam wird ein neuer Plan für Fynn entwickelt. Am Ende steht keine spektakuläre Universallösung, sondern eine vielfältige Therapie, die nicht nur den Darm, sondern auch das Mikrobiom und die Besitzerin mit einschließt.

Dieser Fall steht exemplarisch für einen grundlegenden Wandel in der Gastroenterologie. Während früher vor allem Symptomen mit Antibiotikum und Kortison zu Leibe gerückt wurde, steht heute ein multifaktorieller Ansatz mit einem neuen Verbündetem, dem intestinalen Mikrobiom im Fokus. Das Wohlbefinden dieser Darmmitbewohner ist ein wichtiger Faktor bei der Therapieentscheidung, auch wenn nach wie vor viele Fragen zu diesem komplexen Ökosystem unbeantwortet sind.

Mikrobiom-Sprechstunde

An der Kleintierklinik der LMU München wird die Forschung am Mikrobiom stetig vorangetrieben und die gewonnenen Erkenntnisse im Klinikalltag angewendet. Mit der „Mikrobiom-Sprechstunde“ hat sich dort ein spezialisiertes Angebot etabliert, das Diagnostik, individualisierte Ernährungstherapie und Mikrobiom basierte Ansätze miteinander verbindet. Die Sprechstunde wird in Kooperation mit Hill’s Pet Nutrition umgesetzt und ist in dieser Form bislang einzigartig in Deutschland. Ziel ist es nicht mehr, den Darm isoliert zu therapieren, sondern das intestinale Mikrobiom sowie äußere Einflüsse als gleichwertige Mitspieler in einem komplexen, multifaktoriellen Geschehen zu verstehen und in die Behandlung einzubeziehen.

Für überweisende Tierärzt:innen und Halter:innen, die bereits mehrere Therapieansätze durchlaufen haben, ermöglicht die Sprechstunde eine systematische Einordnung und ein belastbares Gesamtkonzept. Im Zentrum steht dabei nicht die einzelne diagnostische Maßnahme, sondern die konsequente Einordnung aller relevanten Einflussfaktoren: von Fütterung und Vorbehandlungen über Umwelt und Verhalten bis hin zur intestinalen Mikrobiota. Parallel dazu ist die klinische Arbeit eng mit der Forschung verzahnt. Ein besonderer Fokus liegt auf den Langzeitfolgen akuter Darmschädigungen, insbesondere auf der Frage, wie sich Veränderungen der Darmbarriere und des Mikrobioms langfristig auf die Gesundheit auswirken.

Mikrobiom, Verhalten und Darm-Hirn-Achse

Für Dr. Kathrin Busch ist Gastroenterologie weit mehr als die Lehre eines einzelnen Verdauungsorgans. Sie versteht sie als ein vernetztes Forschungsfeld, das in enger Wechselwirkung mit anderen Systemen steht – und genau darin liegt seine klinische Relevanz. So zeigen sich gastrointestinale Störungen längst nicht nur als Durchfall oder Erbrechen: Hunde mit chronischem Stress reagieren mit rezidivierender Gastritis, Katzen mit Verhaltensauffälligkeiten entwickeln unspezifische GI-Symptome, und auch scheinbar „therapieresistente“ Fälle entpuppen sich bei genauer Betrachtung als Zusammenspiel aus Ernährung, Mikrobiom und Umweltfaktoren. „Besonders spannend ist es, sich mit den verschiedenen Achsen, wie etwa der ‚Gut-Brain-Axis‘, zu befassen“, sagt Dr. Kathrin Busch. Gemeint ist damit die wechselseitige Beeinflussung von Darm und Nervensystem, ein Konzept, das im Praxisalltag zunehmend sichtbar wird, etwa wenn Stress oder Veränderungen im Umfeld direkt mit gastrointestinalen Symptomen korrelieren. Gerade diese Zusammenhänge machen das Fach so dynamisch und eröffnen kontinuierlich neue Perspektiven für Forschung und Praxis. „Die Chance, Forschung wirklich voranzutreiben und gleichzeitig junge Kolleg:innen mitzunehmen, ist unbezahlbar“, sagt sie.

Ziel der Gastroenterologie der Kleintierklinik der LMU München ist es, sich durch präzise Beobachtung und konsequentes Hinterfragen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Aktuell rückt dabei auch die Symptomatik des oberen Gastrointestinaltrakts verstärkt in den Fokus: Verhaltensweisen wie Schmatzen, Schlecken oder Aufstoßen, die lange als unspezifisch galten, erhalten endlich mehr Aufmerksamkeit und werden differenzierter betrachtet. „Auch wenn diese Symptome in der Literatur bislang nur wenig Beachtung finden, stellen sie für Tier und Mensch eine erhebliche Belastung dar und sind therapeutisch häufig eine große Herausforderung“, erklärt Dr. Kathrin Busch. Im Zentrum steht ein ganzheitliches Verständnis von Erkrankung. So spielt die Darm-Hirn-Achse vermutlich dabei eine zentrale Rolle: Stress, Angst oder Umweltfaktoren können gastrointestinale Symptome verstärken oder sogar auslösen. Aber auch der Magendarmtrakt und dessen Mitbewohner stehen im Verdacht, das Verhalten von Mensch und Tier zu beeinflussen. Somit bedeutet Gastroenterologie heutzutage nicht mehr nur Darmdiagnostik, sondern die Einordnung eines komplexen Zusammenspiels aus Mikrobiom, Immunsystem, Ernährung und Verhalten.

Besonders deutlich wird dieses Umdenken beim Blick auf das Mikrobiom selbst. Während früher häufig antibiotisch „reguliert“ wurde, geht es heute um gezielte Modulation. Individualisierte Diäten, prä- und probiotische Strategien sowie Verfahren wie die Kottransplantation stehen exemplarisch für diesen Wandel. Ziel ist es nicht mehr, pathogene Prozesse zu unterdrücken, sondern das System wieder in ein stabiles Gleichgewicht zu bringen. Und dennoch bleibt vieles offen. „Die aktuellen Daten spiegeln erst einen begrenzten Ausschnitt der tatsächlichen Komplexität wider“, sagt Busch. „Die eigentlichen Zusammenhänge verstehen wir noch längst nicht.“ Genau daraus entsteht die Dynamik des Fachgebiets und seine Relevanz für die zukünftige Entwicklung der Tiermedizin.

Mein Fazit

Die Gastroenterologie entwickelt sich damit zu einem der dynamischsten und zugleich anspruchsvollsten Felder der Tiermedizin. Die Mikrobiom-Sprechstunde an der LMU München steht exemplarisch für diesen Wandel: Sie zeigt, wie sich komplexe gastrointestinale Erkrankungen durch eine strukturierte, systemische Herangehensweise differenzierter einordnen und gezielter therapieren lassen. Im Zentrum steht dabei nicht die einzelne diagnostische Maßnahme, sondern die konsequente Integration aller relevanten Einflussfaktoren. Ergänzt durch die enge Verzahnung von klinischer Arbeit und Forschung entsteht ein Ansatz, der über klassische Behandlungspfade hinausgeht. Gerade bei Patient:innen wie Fynn wird deutlich, wie groß der Bedarf an genau solchen Konzepten ist: Fälle, die im Praxisalltag oft als „schwierig“ oder „nicht eindeutig“ wahrgenommen werden, lassen sich durch konsequente Anamnese, Einordnung aller Einflussfaktoren und ein klares therapeutisches Vorgehen neu denken.

Andreas Moll

Der Prekongress der AG Gastroenterologie beim DVG-Vet-Congress steht exemplarisch für ein ganzheitliches Verständnis des Fachs. Das Programm folgt einer klaren, klinischen Logik „von oben bis unten gedacht“ – von der Maulhöhle über Bildgebung und funktionelle Diagnostik bis hin zu Magen, Motilität und Ernährung."

Dr. Kathrin Busch, Leiterin der AG Gastroenterologie der DGK-DVG

„Von oben bis unten gedacht“

Wie stark sich dieses neue Denken inzwischen auch in der Fortbildung widerspiegelt, zeigt der Prekongress der AG Gastroenterologie, der am 28. Oktober 2026 im Rahmen des DVG-Vet-Congress stattfindet. Verantwortlich für Konzept und inhaltliche Ausrichtung ist Dr. Kathrin Busch, Leiterin der AG Gastroenterologie der DGK-DVG. Das Programm folgt dabei einer klaren inhaltlichen Linie: „von oben bis unten gedacht“. Beginnend bei der Maulhöhle und Zahnmedizin über Bildgebung und funktionelle Diagnostik bis hin zu Magen, Motilität und Ernährung entsteht ein zusammenhängendes klinisches Gesamtbild. Mit Referent:innen wie Martina van Suntum, Kerstin von Pückler, Martin Kessler, Peter Kook und einer Zuschaltung aus den USA von Katie Tolbert ist der Tag hochkarätig besetzt.

Ein bewusst gesetzter Schwerpunkt ist zudem die Integration der Humanmedizin. Viele der diskutierten Krankheitsbilder, etwa funktionelle Dyspepsie oder Reflux, sind dort bereits differenziert erforscht, während sie in der Veterinärmedizin oft noch fragmentiert betrachtet werden. Genau hier sieht Busch großes Potenzial: im Vergleich, im Transfer und in der Entwicklung neuer Denkansätze.