Therapie der caninen Herzwurmerkrankung – was in der Praxis wirklich wichtig ist
Die Therapie der caninen Herzwurmerkrankung ist in der Praxis oft weniger ein Problem der reinen Medikamentenauswahl als des richtigen Timings und eines konsequenten Managements. Die American Heartworm Society (AHS) hat ihre Leitlinien 2024 aktualisiert und hält weiterhin klar an der adultiziden Standardtherapie mit Makrozyklischen Laktonen, Doxycyclin und dem 3-Injektions-Protokoll mit Melarsomin fest. Dieses Vorgehen gilt sowohl für symptomatische als auch für asymptomatische Hunde und bleibt auch im aktuellen CAPC-Update (Companion Animal Parasite Council) der empfohlene Standard (AHS 2024, CAPC 2026).
Diagnose sichern, bevor es ernst wird
Vor Beginn der eigentlichen Adultizidtherapie sollte die Diagnose sauber abgesichert werden. Die AHS empfiehlt bei positivem Antigentest entweder die Bestätigung über den Mikrofilariennachweis oder, wenn keine Mikrofilarien gefunden werden, einen zweiten Antigentest mit neuer Probe auf einer anderen Testplattform. Klinisch instabile Hunde sollten vor der Adultizidtherapie individuell stabilisiert werden; je nach Befund können Glukokortikoide, Sauerstoff, Diuretika, Vasodilatatoren oder positiv inotrope Medikamente sinnvoll sein.
AHS-Protokoll
Das Standardprotokoll ist klar strukturiert. Ab Tag 0 ein geeignetes Herzwurmpräventivum – wie makrozyklische Laktone, Doxycyclin mit 10 mg/kg BID über 28 Tage und eine konsequente Belastungsreduktion. Bei mikrofilarämischen Hunden empfiehlt die AHS zusätzlich Vorsicht hinsichtlich möglicher Reaktionen auf die Mikrofilarienelimination und eine entsprechende Überwachung (AHS 2024).
An Tag 60 folgt die erste Melarsomin-Injektion (2,5 mg/kg). Die Pause zwischen der Doxycyclin-Gabe und der ersten Melarsomin-Gabe dient dazu Entzündungsreaktionen in der Lunge, die durch das Absterben der Wolbachien auftreten abklingen zu lassen, bevor durch die Melarsomin-Injektion erneute auftreten. Begleitend zur ersten Melarsomin-Injektion muss eine ausschleichende Therapie mit Prednisolon (meist beginnend mit 0,5 mg/kg BID in der ersten Woche) erwogen werden um die Entzündungsreaktion auf auf die sterbenden Würmer zu minimieren.
Die zweite und dritte Injektion erfolgen an Tag 90 und 91 im Abstand von 24 Stunden. Das Präparat wird tief intramuskulär in die Lendenmuskulatur (meist zw. L3 und L5) appliziert. Die Injektion kann schmerzhaft sein (ggf. vorher Gabe eines Schmerzmittels) und bei zu flacher Injektion kann es zu einer Abszess-Bildung kommen.
Warum das 3-Injektions-Protokoll überlegen ist
Die AHS bevorzugt dieses 3-Dosen-Schema unabhängig vom klinischen Stadium, weil es wirksamer und sicherer ist als das klassische 2-Dosen-Schema. Letzteres reduziert die adulte Wurmlast nur um etwa 90 %, das 3-Injektions-Protokoll um etwa 98 %. Entscheidend ist dabei nicht nur die höhere Wirksamkeit, sondern auch die kontrolliertere Wurmabsterberate mit geringerer Komplikationsneigung (AHS 2024).
Management entscheidet
Das Management ist einer der wichtigsten Punkte für den Erfolg der Therapie. Die AHS betont ausdrücklich, dass Aktivitätsrestriktion während jeder Therapieform essenziell ist. Je aktiver der Hund bleibt, desto höher ist das Risiko für pulmonale thromboembolische Komplikationen. Praktisch bedeutet das: Leinenruhe, kein Freilauf, kein Spielen, kein Rennen, kein „nur kurz im Garten toben“. Nach der ersten Melarsomin-Injektion sollte die Restriktion strikt sein und für 6–8 Wochen nach der letzten Injektion fortgeführt werden. Wichtig ist außerdem eine gute Schmerztherapie nach den Injektionen, ein enges Besitzercoaching und ein klarer Kontrollplan. An Tag 120 empfiehlt die AHS eine Mikrofilarienkontrolle, etwa 9 Monate nach der letzten Melarsomin-Gabe folgt die serologische Nachkontrolle. Retrospektive Daten zeigen, dass dieses Protokoll gut verträglich und effektiv ist, wenn es konsequent umgesetzt wird (Romito et al. 2024). Es gibt auch Hinweise, dass die Therapie in einem strukturierten ambulanten Setting sicher durchgeführt werden kann, solange Organisation und Nachsorge stimmen (Still et al. 2024).
Slow-kill: pragmatische Option, aber kein Standard
Die sogenannte Slow-kill-Methode ist damit nicht die bevorzugte Therapie, sondern eine Ausweichstrategie. Gemeint ist in der Regel eine Langzeitbehandlung mit Makrozyklischen Laktonen, meist kombiniert mit Doxycyclin, ohne Melarsomin. Die AHS empfiehlt dieses Vorgehen nicht als Standard, weil adulte Würmer länger im Gefäßsystem verbleiben und die pulmonal-vaskulären Schäden in dieser Zeit weiter fortschreiten können. Hinzu kommt, dass die Dauer bis zur Elimination deutlich länger ist und falsch negative Verlaufsbefunde möglich sind. Trotzdem wird die Slow-kill-Methode in der Literatur als pragmatische Option diskutiert, wenn Melarsomin nicht verfügbar oder nicht realistisch einsetzbar ist. Jacobson und DiGangi (2021) beschreiben die Kombination aus Moxidectin und Doxycyclin als praktikable Alternative, betonen aber selbst, dass sie kein gleichwertiger Ersatz für die leitliniengerechte Adultizidtherapie ist. Auch Dantas-Torres et al. (2023) diskutieren solche Protokolle vor allem vor dem Hintergrund eingeschränkter Melarsomin-Verfügbarkeit in einzelnen Regionen. Zur aktuellen Verfügbarkeit von Melarsomin ergibt sich derzeit ein uneinheitliches Bild, daher sollte die lokale Beschaffbarkeit vor Therapiebeginn geprüft werden.
Eine Ausnahme bildet das Caval-Syndrom. Hier liegt keine Situation für ein reguläres Melarsomin-Protokoll vor, sondern ein kardiovaskulärer Notfall. Die AHS beschreibt, dass diese Hunde ohne rasche chirurgische bzw. transvenöse Wurmentfernung meist nicht überleben. Klinisch passen schwere Schwäche, Dyspnoe, blasse Schleimhäute, Hämoglobinurie und Zeichen einer Trikuspidalinsuffizienz. In solchen Fällen steht also nicht die medikamentöse Standardtherapie, sondern die schnellstmögliche mechanische Entlastung im Vordergrund (AHS 2024).
Take Home Message
Die leitliniengerechte Therapie der caninen Herzwurmerkrankung besteht aus Doxycyclin, Makrozyklischen Laktonen und dem 3-Injektions-Protokoll mit Melarsomin. Slow-kill ist nur eine Ausweichlösung und nicht der Standard. Entscheidend für den Behandlungserfolg sind vor allem konsequente Belastungsreduktion, saubere Organisation und eine klare Führung der Tierbesitzer:innen.
Literatur
- American Heartworm Society. Updated Canine Heartworm Guidelines. 2024.
- Companion Animal Parasite Council. Heartworm Guidelines. 2026.
- Dantas-Torres F et al. Heartworm adulticide treatment: a tropical perspective. Parasites & Vectors. 2023;16:148.
- Jacobson LS, DiGangi BA. An Accessible Alternative to Melarsomine: “Moxi-Doxy” for Treatment of Adult Heartworm Infection in Dogs. Front Vet Sci. 2021;8:702018.
- Romito G et al. Efficacy and tolerability of the American Heartworm Society therapeutic protocol in dogs affected by heartworm disease without caval syndrome. J Small Anim Pract. 2024;65:39–46.
- Still MB et al. Improving access to melarsomine therapy: treating canine heartworm infection in a high-volume, outpatient community clinic setting. Parasites & Vectors. 2024;17:119.