Von der Auskultation zur KI: Wie sich die Kleintierkardiologie verändert

Im Zentrum der von Boehringer Ingelheim Vetmedica organisierten Roadshow „Kardio 360° – von Herzgeräusch bis Hightech“ steht Prof. Dr. Gerhard Wess, Leiter der Abteilung Kardiologie an der LMU München. In seinem Vortrag spannt er den Bogen von der klassischen klinischen Untersuchung bis zu modernen digitalen Technologien – und zeigt, wie sich die Diagnostik von Herzerkrankungen beim Hund in den vergangenen Jahren verändert hat. Dabei überrascht Wess gleich zu Beginn mit einem scheinbaren Paradox: „Ich liebe die Kardiologie, weil sie so simpel ist.“ Was zunächst provokant klingt, meint er durchaus ernst. Viele Herzerkrankungen folgen klaren physiologischen Prinzipien. Wenn man Pathophysiologie, klinische Untersuchung und Bildgebung zusammen denkt, lassen sich Diagnostik und Therapie häufig logisch ableiten. Entscheidend sei jedoch, frühe Hinweise auf eine Erkrankung zuverlässig zu erkennen – und genau hier beginnt die Herausforderung im Praxisalltag.

Der Ausgangspunkt bleibt dabei eine der ältesten diagnostischen Methoden der Medizin: die Auskultation. Herzgeräusche sind häufig der erste Hinweis auf eine kardiale Erkrankung, etwa bei der degenerativen Mitralklappenerkrankung, bei angeborenen Herzfehlern wie Pulmonal- oder Aortenstenose oder bei einem persistierenden Ductus arteriosus. Gleichzeitig zeigt Wess, dass das Abhören des Herzens keineswegs trivial ist. Studien belegen, dass selbst deutliche Herzgeräusche nicht immer zuverlässig erkannt werden, insbesondere bei weniger erfahrenen Untersucher:innen.

Ein zentraler Punkt ist deshalb eine strukturierte Vier-Punkt-Auskultation. Das Herz sollte systematisch an vier Positionen abgehört werden: links cranial und caudal sowie rechts caudal und cranial. Nur so lassen sich die typischen Geräuschlokalisationen verschiedener Erkrankungen sicher erfassen. Große internationale Datensätze bestätigen diese klassischen Lehrbuchregeln: Mitralklappenerkrankungen sind meist links apikal (caudal) am lautesten zu hören, während viele angeborene Herzfehler typischerweise links basal lokalisiert sind.

Wenn das Stethoskop digital wird: KI unterstützt die kardiologische Diagnostik

An dieser Stelle setzt die technologische Entwicklung an. Digitale Stethoskope ermöglichen es heute, Herzgeräusche nicht nur zu hören, sondern auch sichtbar zu machen. Als Phonokardiogramm lassen sich systolische und diastolische Geräusche grafisch darstellen und damit besser analysieren. Noch einen Schritt weiter geht die Integration künstlicher Intelligenz (KI). Gemeinsam mit internationalen Kardiologie-Expert:innen war Wess maßgeblich an der Entwicklung eines Systems beteiligt, das Herzgeräusche automatisiert analysieren kann.

Entstanden ist das Projekt in einer Kooperation von Boehringer Ingelheim Vetmedica mit dem amerikanischen Technologieunternehmen Eko Health Inc. Herzstück des Systems ist das Eko Core™ Digital Attachment, das auf ein handelsübliches Stethoskop aufgesetzt wird, sowie die Eko vet-App für iOS und Android. In der App arbeitet der Algorithmus caninebeat® AI, der von Boehringer Ingelheim gemeinsam mit internationalen Kardiologie-Expert:innen unter Federführung von Prof. Dr. Gerhard Wess sowie Prof. Jens Häggström und Assoc. Prof. Ingrid Ljungvall (beide SLU Uppsala) entwickelt wurde. Trainiert und validiert wurde der Algorithmus mit Daten von mehr als 3000 Hunden.

Die App erkennt innerhalb weniger Sekunden, ob ein Herzgeräusch vorhanden ist, klassifiziert dessen Lautstärke und kann Hinweise auf mögliche zugrunde liegende Erkrankungen geben. Zudem lassen sich Herzgeräusche speichern, als Kardiophonogramm visualisieren und für Dokumentation oder Verlaufskontrollen exportieren. Für Wess ist dieses Projekt weit mehr als eine technische Spielerei. „Die Entwicklung der App hat Jahre gedauert und enorme wissenschaftliche Arbeit erfordert“, erklärt der Kardiologe. Tausende Herzgeräusche mussten gesammelt, annotiert und mit Echokardiographie-Befunden abgeglichen werden, bevor der Algorithmus zuverlässig arbeiten konnte – entsprechend groß ist der Stolz auf das Ergebnis.

Kardiologie im Praxisalltag: Staging, Studien und Monitoring

Im zweiten Teil seines Vortrags richtet Wess den Blick stärker auf die klinische Entscheidungsfindung bei den häufigsten Herzerkrankungen des Hundes – insbesondere bei der degenerativen Mitralklappenerkrankung (MMVD) und der dilatativen Kardiomyopathie (DCM). Bei der Mitralklappenerkrankung spielt das ACVIM-Staging-System von Stadium A bis D eine zentrale Rolle. Besonders relevant für die Praxis ist das Stadium B2: In dieser Phase liegt bereits eine Herzvergrößerung vor, obwohl die Tiere noch keine klinischen Symptome zeigen. Genau hier hat die große EPIC-Studie gezeigt, dass eine Therapie mit Pimobendan (Vetmedin®) die Zeit bis zum Auftreten eines Herzversagens im Durchschnitt um rund 15 Monate verlängern kann.

Auch für die dilatative Kardiomyopathie gibt es evidenzbasierte Daten: In der PROTECT-Studie konnte gezeigt werden, dass Dobermänner im präklinischen Stadium unter Pimobendan im Durchschnitt etwa neun Monate länger symptomfrei bleiben als Tiere ohne Therapie. Neben Echokardiographie und Röntgen betont Wess auch einfache Monitoring-Strategien für den Praxisalltag. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Messung der Atemfrequenz in Ruhe, die Besitzer:innen zu Hause durchführen können. Steigende Werte können ein früher Hinweis auf eine kardiale Dekompensation sein und ermöglichen eine frühzeitige Anpassung der Therapie.

Nach dem Auftakt der Roadshow folgen weitere Stationen in Frankfurt, Düsseldorf, München, Hamburg/Bremen, Potsdam und Jena/Leipzig (Infos HIER). Am 20. Mai 2026 werden die Inhalte zudem noch einmal in einem Online-Webinar „Kardio 360° – von Herzgeräusch bis Hightech“ zusammengefasst, in dem Prof. Dr. Wess zentrale Aspekte moderner kardiologischer Diagnostik und Therapie vertieft.

Wenn Prof. Dr. Gerhard Wess am Ende seines Vortrags das Stethoskop wieder zur Seite legt, ist klar: Die Kardiologie verändert sich gerade rasant. Digitale Auskultation, künstliche Intelligenz und Wearables erweitern das diagnostische Arsenal – doch der Ausgangspunkt bleibt das gleiche Instrument wie vor über 200 Jahren. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Wess seinen Beruf so liebt. „Kardiologie ist simpel“, sagt er. Und meint damit: Wer das Herz versteht, versteht auch den Weg zur richtigen Diagnose.

Andreas Moll