Digitales Dokumentations- und Empfehlungssystem
Ernährungsfragen gehören zum Alltag in der tierärztlichen Praxis – und bleiben doch oft auf der Strecke. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil Zeit fehlt. Zwischen Diagnostik, Therapie und Kommunikation bleibt für eine fundierte Beratung häufig wenig Raum. Gleichzeitig wächst die Erwartung von Tierhalter:innen, auch zu Fütterung und Prävention klare Empfehlungen zu erhalten. Vor diesem Hintergrund haben das Berliner Unternehmen Petleo und PURINA PRO PLAN eine Kooperation gestartet, die genau hier ansetzen will: Ernährungsempfehlungen sollen digital unterstützt und direkt in den Praxisablauf integriert werden. Am Rande des bpt-Kleintierkongress in Bielefeld hatten wir die Gelegenheit, mit Dr. Björn Becker und Tanja Thumm über Konzept, Zielsetzung und mögliche Auswirkungen auf den Praxisalltag zu sprechen.
Doch eine Frage steht für viele Tierärzt:innen im Raum: Bedeutet das, dass künftig „im Hintergrund“ Produkte empfohlen oder verkauft werden? „Und genau das eigentlich nicht“, sagt Tanja Thumm, Head of Marketing DACH & PRO PLAN Business bei Nestlé Purina PetCare. „Digitale Lösungen können helfen, Empfehlungen strukturiert bereitzustellen, ohne zusätzliche Beratungszeit zu beanspruchen.“
Unterstützung statt Steuerung
Im Zentrum der Zusammenarbeit steht eine App, die Patientendaten wie Alter, Gewicht oder Diagnosen bündelt und daraus strukturierte Ernährungsempfehlungen ableitet. Die Grundlage dafür bilden wissenschaftliche Daten aus der Fütterungsforschung, die in einen Algorithmus überführt wurden. Für Dr. Björn Becker, CEO von Petleo und selbst praktizierender Tierarzt, liegt der entscheidende Punkt jedoch nicht in der Technologie, sondern in der Anwendung: „Die Ernährungsberatung ist oft zeitaufwendig. Man spricht lange mit den Tierhalter:innen, und am Ende entscheidet er sich doch für etwas anderes“, beschreibt er die Realität im Praxisalltag. Hier setzt die digitale Lösung an: Sie erkennt relevante Inhalte aus der Dokumentation und schlägt passende Empfehlungen vor, nachdem die Behandlung abgeschlossen ist.
Die finale Entscheidung liegt immer bei den behandelnden Tierärzt:innen!
Ein zentraler Aspekt der Kooperation: Die finale Entscheidung liegt immer bei den Tierärzt:innen. „Es ist immer die Entscheidung des Tierarztes, ob er eine Empfehlung abschickt oder nicht“, betont Becker. Die App macht Vorschläge – mehr nicht. Ob und was kommuniziert wird, bleibt Teil der tierärztlichen Verantwortung. Auch Tierhalter:innen behalten die Kontrolle: Sie erhalten eine Empfehlung, können diese aber frei annehmen oder ablehnen. Eine automatische Weiterleitung in einen Kaufprozess ohne Zustimmung ist nicht vorgesehen. Gleichzeitig verändert sich die Art, wie Empfehlungen umgesetzt werden. Wird eine Fütterungsempfehlung angenommen, kann das entsprechende Produkt direkt über einen Webshop bestellt und nach Hause geliefert werden. Für die Praxis bedeutet das vor allem eines: weniger Lagerhaltung und weniger organisatorischer Aufwand. Kritisch betrachtet bleibt dennoch die Frage, wie sich Beratung und Vertrieb langfristig zueinander verhalten. Auch diese Ambivalenz wird im Gespräch offen angesprochen. Tierärzt:innen sehen sich traditionell nicht als Verkäufer:innen, gleichzeitig wissen sie um die Bedeutung einer passenden Ernährung für den Therapieerfolg.
Die Kooperation versteht sich bewusst nicht als fertiges Produkt, sondern als lernendes System. Erste Praxen testen die Anwendung, Feedback soll in die Weiterentwicklung einfließen. „Natürlich werden Dinge nicht sofort perfekt laufen, aber genau daraus lernen wir“, sagt Thumm. Auch Becker sieht die Einführung als Prozess: Entscheidend sei vor allem die Offenheit, neue Wege auszuprobieren, ohne sich festlegen zu müssen. Perspektivisch könnte die Plattform über die Ernährung hinaus erweitert werden, etwa um Themen wie Prävention, Supplemente oder Versicherungen. Damit würde sich die Rolle der App weiter in Richtung einer umfassenden digitalen Begleitung entwickeln.
MEHR INFOS: https://vet.petleo.net/purina-proplan
Andreas Moll