Mut, Vertrauen, Investitionen - der schnelle Aufstieg des Tierärztlichen Zentrums Herford

Wenn Tierärzt:innen eine Praxis gründen oder übernehmen, geschieht das meist Schritt für Schritt. Im Fall des Tierärztlichen Zentrums für Kleintiere in Herford verlief die Entwicklung deutlich dynamischer. Innerhalb weniger Jahre haben Dr. Christian Diekmann und Philipp Schledorn, die beiden Fachtierärzte für Chirurgie, aus einer kleineren Praxis einen hochspezialisierten Standort aufgebaut. Der Weg dorthin war geprägt von unternehmerischem Risiko und von einem hohen Maß an gegenseitigem Vertrauen. Grundstück, Neubau und Infrastruktur bedeuteten Investitionen in Millionenhöhe. Gleichzeitig musste die medizinische Arbeit weiterlaufen und das Team wachsen. „Wir haben im Grunde das gemacht, wofür andere vielleicht zwanzig Jahre brauchen, nur deutlich schneller“, sagt Philipp Schledorn rückblickend.

Eine zentrale Grundlage für diesen Entwicklungsschritt war die enge Zusammenarbeit der beiden Gründer. Beide kennen sich seit mehreren Jahren aus ihrer gemeinsamen Zeit in der Tierklinik AniCura Bielefeld, wo sie bereits eng in der chirurgischen Versorgung von Kleintieren zusammenarbeiteten. Heute teilen sie sich operative Verantwortung und strategische Entscheidungen für die Praxis. „Wir können uns hundertprozentig aufeinander verlassen. Wenn einer von uns weg ist, läuft die Praxis trotzdem stabil weiter“, erklärt Diekmann.

Mit dem „Köfferchen“ durch Ostwestfalen

Gerade in der Anfangsphase spielte jedoch nicht nur die medizinische Expertise eine Rolle, sondern auch der Aufbau eines funktionierenden Netzwerks. Die Region Ostwestfalen-Lippe ist veterinärmedizinisch gut versorgt: Zahlreiche Tierarztpraxen und mehrere spezialisierte Kliniken mit vergleichbarer technischer Ausstattung konkurrieren hier um Patienten und Überweisungen. Philipp Schledorn entschied sich deshalb früh für einen sehr direkten Ansatz. Mit einem sprichwörtlichen „Köfferchen“ machte er sich auf den Weg, besuchte Haustierarztpraxen in der Region persönlich und stellte dort das neu entstehende Zentrum vor. „Ich bin wirklich mit meinem kleinen Koffer losgezogen und habe mich in den Praxen vorgestellt. Mir war wichtig, dass die Kolleg:innen wissen, wer wir sind und was wir anbieten können“, erinnert sich Schledorn.

Ziel dieser Besuche war es, Transparenz zu schaffen und mögliche Formen der Zusammenarbeit zu besprechen. Dabei ging es vor allem darum, Vertrauen aufzubauen und deutlich zu machen, welche Leistungen das Zentrum übernehmen kann, etwa komplexe orthopädische Eingriffe, chirurgische Spezialfälle oder weiterführende Diagnostik. Gleichzeitig betonen Diekmann und Schledorn bis heute, dass sie sich nicht als Konkurrenz zu den überweisenden Praxen verstehen, sondern als Ergänzung innerhalb eines regionalen Versorgungsnetzwerks. Diese persönliche Ansprache erwies sich als wichtiger Faktor für die weitere Entwicklung.

Ich bin wirklich mit meinem kleinen Koffer losgezogen und habe mich in den Praxen vorgestellt. Mir war wichtig, dass die Kolleg:innen wissen, wer wir sind und was wir anbieten können.“

Philipp Schledorn, Tierärztliches Zentrum für Kleintiere Herford

Vom Praxisprojekt zum Neubau

Die dynamische Entwicklung brachte jedoch schnell neue Herausforderungen mit sich. Nachdem Diekmann und Schledorn die erste Praxis übernommen hatten, stellte sich bereits nach wenigen Monaten heraus, dass die räumlichen Möglichkeiten für ihre Pläne nicht ausreichten. Ein ursprünglich zugesagter Ausbau des Standorts kam nicht zustande, sodass klar wurde: Eine langfristige Entwicklung würde dort nicht möglich sein. Die beiden begannen deshalb früh, nach Alternativen zu suchen. Parallel zum laufenden Praxisbetrieb beschäftigten sie sich mit der Planung eines eigenen Neubaus. Dabei stießen sie zunächst auf bürokratische Hürden, etwa bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück. Schließlich ergab sich die Chance, ein großes Areal in einem Gewerbemischgebiet zu erwerben. Das Gelände befindet sich auf einem ehemaligen Sportplatzareal mit rund 12.000 m² Grundstücksfläche.

Auf dieser Fläche entstand ein moderner Neubau mit rund 1.300 Quadratmeter Praxisfläche. Die Einrichtung umfasst mehrere spezialisierte Operationsbereiche, unter anderem für Knochen-, Weichteil- und Zahnchirurgie, sowie moderne diagnostische Infrastruktur mit CT- und CBCT-Diagnostik, Endoskopie-Einheit und mehreren Ultraschallräumen. Ergänzt wird die Ausstattung durch getrennte Stationsbereiche für Hunde, Katzen und Kleinsäuger, die eine differenzierte stationäre Versorgung ermöglichen. Der Neubau stellte die Gründer allerdings auch vor erhebliche finanzielle Risiken. Die Investitionen für Grundstück, Gebäude und Ausstattung bewegten sich in einer Größenordnung von mehreren Millionen Euro.

Strategischer Partner bei unternehmerischem Risiko

In dieser Situation entschieden sich Diekmann und Schledorn, strategische Partner einzubeziehen und den Prozess professionell begleiten zu lassen. Über einen strukturierten Auswahlprozess mit mehreren Interessenten kam schließlich eine Zusammenarbeit mit VetGruppen, einem Praxisnetzwerk mit Wurzeln in Dänemark und Norwegen, das seit 2023 auch in Deutschland aktiv ist, zustande. Für die beiden Gründer stand dabei von Anfang an eine Bedingung im Vordergrund: Die medizinische Ausrichtung und die operative Führung der Praxis sollten weiterhin in eigener Verantwortung bleiben. „Für uns war klar: Wenn wir diesen Schritt gehen, dann nur unter der Voraussetzung, dass wir medizinisch weiterhin unabhängig arbeiten können“, betont Diekmann. Gleichzeitig bietet die Einbindung in eine größere Struktur Vorteile bei strategischen Themen wie Investitionen, Organisation oder langfristiger Planung. „Ein Neubau in dieser Größenordnung bedeutet ein enormes unternehmerisches Risiko. Da ist es sinnvoll, einen starken Partner an der Seite zu haben“, ergänzt Schledorn.

Unser Ziel ist es, einen Ort zu kreieren, an dem nicht nur gute Medizin möglich ist, sondern an dem Menschen Lust haben, die Tiermedizin gemeinsam weiterzuentwickeln."

Dr. Christian Diekmann, Tierärztliches Zentrum für Kleintiere Herford

Wachstum bedeutet auch Veränderung

Neben den wirtschaftlichen Herausforderungen brachte das schnelle Wachstum auch interne Veränderungen mit sich. Der Übergang von einer kleinen Praxis zu einem größeren Team bedeutete neue Anforderungen an Führung, Kommunikation und Organisation. „Chirurgie ist das eine, ein Team zu führen etwas völlig anderes“, beschreibt Schledorn rückblickend. Der Aufbau der Praxis war deshalb auch ein Lernprozess: Konflikte, personelle Veränderungen und organisatorische Anpassungen gehörten ebenso dazu wie medizinische Weiterentwicklung. Heute setzt das Zentrum stärker auf strukturierte Teamführung, gezielte Förderung der Mitarbeitenden und externe Unterstützung bei Organisations- und Kommunikationsfragen. „Man lernt auf diesem Weg unglaublich viel – über Medizin, aber auch über Menschen und Organisation“, sagt Schledorn.

Spezialisierung und Teamstruktur

Heute arbeitet im Tierärztlichen Zentrum für Kleintiere in Herford ein Team von rund 60 Mitarbeitenden, darunter mehr als 20 Tierärzt:innen mit unterschiedlichen Spezialisierungen – von Chirurgie und Innerer Medizin über Heimtiermedizin, Ophthalmologie bis hin zu moderner bildgebender Diagnostik. Damit gehört der Standort zu den größeren tiermedizinischen Einrichtungen in der Region. Neben den beiden chirurgisch tätigen Gründern arbeiten mehrere spezialisierte Tierärzt:innen im Team. Dazu gehört unter anderem der aus Syrien stammende Bashar Sallowm, Internist und Kardiologe mit Allgemeinmediziner-Zertifikat für Kleintiermedizin (GPAdvCert SAM). Seine Tätigkeit umfasst insbesondere kardiologische Diagnostik, internistische Fragestellungen sowie bildgebende Verfahren wie Herz- und Abdomenultraschall, CT und Endoskopie.

Ein weiterer spezialisierter Bereich ist die Ophthalmologie. Fernando Zanetti, Tierarzt mit Zusatzbezeichnung Augenheilkunde, bringt mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung in diesem Fachgebiet mit. Der aus Argentinien stammende Tierarzt studierte an der Universidad Nacional de La Plata und führte viele Jahre eine eigene Praxis in Bahia Blanca, bevor er über Stationen in Spanien und Deutschland nach Herford kam. Neben der ophthalmologischen Diagnostik und Chirurgie beschäftigt er sich intensiv mit minimalinvasiven Verfahren. „Viele Eingriffe lassen sich heute deutlich schonender durchführen, wenn man endoskopische Techniken konsequent nutzt“, sagt Zanetti.

Internationale Wege in die Tiermedizin

Auffällig ist die internationale Zusammensetzung des Teams. Mehrere Mitarbeitende haben ihren beruflichen Weg über verschiedene Länder nach Herford geführt. Ein Beispiel ist Timileyin Arekemase, der sein Veterinärmedizinstudium in der Ukraine begann. Aufgrund des Krieges musste er sein Studium abbrechen und kam anschließend nach Deutschland. Über ein Praktikum fand er den Weg in das Tierärztliche Zentrum und absolvierte dort schließlich eine Ausbildung, um seine berufliche Perspektive in der Tiermedizin weiterzuverfolgen. Auch Viktorija Turk Trojko, Tierärztin aus Kroatien, arbeitet heute im Team. Ihre Schwerpunkte liegen in der Allgemein- und Notfallmedizin. Vor dem Einstieg in die reguläre Sprechstunde durchlief sie eine strukturierte Einarbeitung mit Rotation durch verschiedene Abteilungen.

Fortbildung als Teil der Praxisphilosophie

Ein weiterer Schwerpunkt der Praxis liegt auf Fortbildung und internem Wissenstransfer. Regelmäßige Schulungen und externe Referenten sollen nicht nur die fachliche Weiterentwicklung des Teams unterstützen, sondern auch den Austausch mit überweisenden Tierärzt:innen fördern. Teilweise werden diese Veranstaltungen zusätzlich online übertragen, sodass Kolleg:innen außerhalb der Praxis teilnehmen können. „Wenn wir Spezialisierung ernst nehmen, müssen wir Wissen auch aktiv weitergeben“, sagt Schledorn.

Blick in die Zukunft

Die beiden Gründer sind überzeugt, dass sich die Struktur der Kleintiermedizin in den kommenden Jahren weiter verändern wird. Größere Praxen mit spezialisierten Fachbereichen werden aus ihrer Sicht eine zunehmend wichtige Rolle spielen, während gleichzeitig die Anforderungen an Diagnostik, Therapie und Organisation steigen. Für Diekmann und Schledorn steht dabei weiterhin die medizinische Qualität ebenso wie die Entwicklung ihres Teams im Mittelpunkt. „Wir wollten nie einfach nur eine Praxis betreiben“, erklären die beiden Tierärzte. „Unser Ziel war immer, einen Ort zu schaffen, an dem gute Medizin möglich ist und an dem Menschen Lust haben, die Tiermedizin gemeinsam weiterzuentwickeln.“

Andreas Moll