Die Schublade – immer ein Kreuzbandriss?
Das Schubladenphänomen zählt zu den klassischen orthopädischen Untersuchungsbefunden am Kniegelenk des Hundes und wird im Praxisalltag häufig unmittelbar mit einem Kreuzbandriss gleichgesetzt. Diese gedankliche Abkürzung ist nachvollziehbar, da die Insuffizienz des kranialen Kreuzbandes häufig vorkommt und die Schublade ein sehr sensitiver Test ist. Dennoch greift diese Schlussfolgerung nicht immer. Eine auslösbare Schublade ist nicht zwangsläufig Ausdruck einer strukturellen Kreuzbandruptur. Auch generalisierte Bandlaxizitäten im Rahmen einer Bindegewebsschwäche, neurologisch bedingte funktionelle Instabilitäten oder – insbesondere beim jungen Hund – physiologische Laxitäten können zu einem vergleichbaren Tastbefund führen. Entscheidend ist daher nicht der einzelne Test, sondern dessen Einordnung in den gesamten klinischen Kontext.
Im Mittelpunkt steht die Gesamtschau aus orthopädischem Status, Schmerzreaktion, Gelenkfüllung, Muskeltonus, Gangbild, Reflexen und Propriozeption sowie – bei Bedarf – ergänzender Bildgebung. Der folgende Beitrag beschreibt eine standardisierte Untersuchung des Kniegelenks, ordnet die Kreuzbandanatomie klinisch ein und zeigt auf, wie sich die wichtigsten Ursachen einer auslösbaren Schublade differenzieren lassen.
Standardisierte Funktionsprüfung des Kniegelenks
Die Untersuchung beginnt mit der Palpation von Patella, medialen und lateralen Femurkondylen sowie der Tuberositas tibiae im Seitenvergleich. Bereits hierbei lassen sich Hinweise auf Gelenkerguss, Weichteilverdickungen, Temperaturerhöhung oder Schmerzreaktionen erfassen. Eine vermehrte Gelenkfüllung oder eine mediale Verdickung sprechen für ein intraartikuläres entzündliches Geschehen, wie es beim Kreuzbandriss typisch ist.
Anschließend werden Beweglichkeit und Stabilität geprüft. Eine Hand fixiert den Femur, die andere umfasst die Tibia. Getestet werden Flexion und Extension sowie Innen- und Außenrotation. Schmerzen bei Hyperextension oder Innenrotation sind häufige Begleitbefunde beim Kreuzbandriss. Ergänzend kann in Seitenlage durch vorsichtige Ab- und Adduktion bei gestrecktem Knie die Stabilität der Kollateralbänder beurteilt werden.
Das Schubladenphänomen zählt zu den wichtigsten klinischen Tests am Kniegelenk des Hundes und wird im Praxisalltag häufig unmittelbar mit einem Kreuzbandriss gleichgesetzt."
Das Schubladenphänomen gehört zu den klassischen orthopädischen Untersuchungsbefunden am Kniegelenk des Hundes – und ist in vielen Köpfen fest mit einer Diagnose verknüpft: Kreuzbandriss. In der täglichen Praxis ist diese gedankliche Abkürzung nachvollziehbar, denn die Insuffizienz des kranialen Kreuzbandes ist häufig und die Schublade ein sehr aussagekräftiger Test. Trotzdem lohnt es sich, bewusst einen Schritt zurückzugehen. Denn eine auslösbare „Schublade“ ist nicht in jedem Fall gleichbedeutend mit einer strukturellen Ruptur des kranialen Kreuzbandes. Neben dem klassischen Kreuzbandriss können auch generalisierte Bandlaxizitäten im Rahmen einer Bindegewebsschwäche, neurologisch bedingte funktionelle Instabilitäten oder – insbesondere beim jungen Hund – physiologische Laxitäten zu einem vergleichbaren Tastbefund führen. Wer diese Differenzialdiagnosen im Hinterkopf behält, trifft nicht nur die präzisere Diagnose, sondern vermeidet auch Fehlentscheidungen in der Therapieplanung.
Im Zentrum steht dabei weniger der einzelne Test als vielmehr die Gesamtschau: orthopädischer Status, Schmerzreaktion, Gelenkfüllung, Muskeltonus, Gangbild, Reflexe und Propriozeption – und bei Bedarf ergänzende Bildgebung. Dieser Beitrag führt deshalb zunächst durch eine standardisierte Untersuchung des Kniegelenks, ordnet die Kreuzbandanatomie klinisch ein und erläutert anschließend, wie sich die wichtigsten Ursachen einer auslösbaren Schublade voneinander abgrenzen lassen.
Der Schubladentest. Mit der distal fixierenden Hand kann man die Tibia nach kranial verschieben, wenn eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes vorliegt.
Kreuzbandanatomie – warum die Schublade entsteht
Die Kreuzbänder (Ligamenta cruciata genus) liegen zentral im Kniegelenk. Das Lig. cruciatum craniale verhindert die kraniale Translation der Tibia, begrenzt Scherkräfte und limitiert insbesondere in Flexion die Innenrotation. Es besteht aus zwei funktionellen Anteilen, die in Flexion getrennt imponieren können, in Extension jedoch eine funktionelle Einheit bilden. Aufgrund seines dauerhaften Spannungszustands ist das kraniale Kreuzband mechanisch stark belastet. Beide Kreuzbänder enthalten zahlreiche Mechano- und Propriozeptoren, weshalb Instabilitäten auch die neuromuskuläre Kontrolle beeinflussen.
Die Schublade – Durchführung und Aussagekraft
Die Schubladenprüfung erfolgt in Seitenlage bei leicht gebeugtem Knie (ca. 120–140°). Der Femur wird über die Kondylen fixiert, die Tibia am Tibiakopf gefasst und kontrolliert nach kranial verlagert. Entscheidend ist nicht nur das Vorliegen einer Translation, sondern deren Qualität: klar begrenzt oder weich-diffus, schmerzhaft oder schmerzfrei. Ergänzend kann der Tibia-Kompressionstest durchgeführt werden. Eine kraniale Tibia-Verschiebung bei Flexion des Tarsalgelenks spricht für eine Insuffizienz des kranialen Kreuzbandes. Der Sitztest kann Hinweise liefern, ist jedoch unspezifisch und allein nicht beweisend.
Wenn die Schublade Ausdruck eines Kreuzbandrisses ist
Beim klassischen Kreuzbandriss – meist eine Insuffizienz des kranialen Kreuzbandes – zeigen sich häufig mehrere Befunde gleichzeitig: Entlastung der betroffenen Hintergliedmaße, Zehenspitzenfußung, eingeschränkte Kniebeugung sowie Schmerzreaktionen bei Hyperextension oder Innenrotation. Oft liegt ein Gelenkerguss vor, im Verlauf eine mediale Verdickung. Chronisch entwickeln sich Muskelatrophie und nicht selten Meniskusläsionen.
Im Gegensatz zum Menschen liegt beim Hund meist kein akutes Trauma, sondern ein degenerativer Prozess mit Vorschädigung des Bandes vor. Diagnostisch reichen die Möglichkeiten von der klinischen Untersuchung über Röntgenaufnahmen bis zu CT, MRT oder Arthroskopie. Unbehandelt steigt das Risiko für Arthrose und Meniskusschäden deutlich.
Eine auslösbare Schublade ist nicht automatisch ein Kreuzbandriss. Die sichere Diagnose ergibt sich nur aus der Gesamtschau aller orthopädischen und neurologischen Befunde."
Wenn die Schublade kein Kreuzbandriss ist
Eine wichtige Differenzialdiagnose ist die generalisierte Bandlaxizität im Rahmen einer Bindegewebsschwäche. Hier entsteht die Schublade durch Überdehnung der Bandstrukturen, nicht durch eine Ruptur. Typisch sind eine häufig beidseits auslösbare Schublade, fehlende Schmerzhaftigkeit, kein Gelenkerguss und eine weitgehend normale Belastung. Auffällig ist oft die Laxizität mehrerer Gelenke. Der Tibia-Kompressionstest ist meist negativ, die Reflexe unauffällig. Bildgebend zeigt sich häufig ein gleichmäßiger Gelenkspalt ohne entzündliche Begleitzeichen. Therapeutisch stehen Muskelaufbau, Koordinations- und Propriozeptionstraining sowie Verlaufskontrollen im Vordergrund. Unbehandelt kann eine ausgeprägte Bandlaxizität langfristig sekundär zu Gelenkschäden bis hin zum Kreuzbandriss führen.
Auch neurologische Erkrankungen, insbesondere im Bereich des unteren motorischen Neurons oder des lumbosakralen Übergangs, können eine funktionelle Schublade verursachen. Das Knie ist dabei klinisch häufig unauffällig: Es zeigt weder eine Schwellung noch einen Gelenkerguss oder eine lokale Schmerzhaftigkeit. Der Hund belastet die Hintergliedmaße meist weiter, kann jedoch Koordinationsstörungen, Propriozeptionsdefizite, Krallenschleifen sowie reduzierte oder fehlende Reflexe zeigen. Der Tibia-Kompressionstest ist in diesen Fällen in der Regel negativ.
Nicht zu vergessen: Das Rückenmark ist der Taktgeber für die Muskeln, Bänder und Sehnen. Fällt er aus, z.B. durch eine Quetschung im lumbosakralen Bereich z.B. durch ein Cauda equina Syndrom, so wird die Reizleitung eingeschränkt, wodurch ein Hypotonus in der Muskulatur und den Bändern entsteht. Wenn bei gering- bis mittelgradigen neurologischen Problemen physiotherapeutisch behandelt werden, ist in 80 % der Fälle nach 4–6 Wochen KEINE Schublade mehr vorhanden.
Beim Junghund kann eine gewisse Laxizität physiologisch sein. Der Tastbefund wirkt dann weich und ist nicht mit Schmerz oder Entzündungszeichen verbunden. Auch hormonelle Einflüsse, etwa bei Hündinnen, können die Bandlaxizität vorübergehend beeinflussen.
Zusammenführung der Befunde
Die Schublade ist kein Beweis, sondern ein Signal zur differenzierten Beurteilung. Ein Kreuzbandriss ist wahrscheinlich, wenn Schublade, Schmerz, Erguss und Schonhaltung zusammentreffen. Eine Bindegewebsschwäche wird wahrscheinlicher bei beidseitiger Schublade ohne Schmerz und mit generalisierter Gelenklaxizität. Eine neurologische Ursache sollte bedacht werden, wenn Reflexe oder Propriozeption gestört sind und das Knie selbst klinisch ruhig bleibt.
Take Home Messages
- Eine auslösbare Schublade ist hochverdächtig, aber nicht automatisch ein Kreuzbandriss.
- Kreuzbandriss: Schublade in Kombination mit Schmerz, Erguss und Schonhaltung.
- Bindegewebsschwäche: häufig beidseitige Schublade ohne Schmerz und ohne Gelenkerguss, zusätzliche Gelenklaxizität.
- Neurologische Ursache: Schublade ohne lokale Kniebefunde, aber mit Reflex- oder Propriozeptionsstörungen.
- Die sichere Diagnose ergibt sich nur aus der Gesamtschau aller orthopädischen und neurologischen Befunde.