Präzision, Forschung, Fortschritt: Die Onkologie-Strategie von Mirja Nolff
Im Rahmen des DVG-Vet-Congress treffen wir Prof. Dr. Mirja Nolff zum Interview. Wenn sie über ihre Arbeit spricht, spürt man sofort, wie eng am Universitären Tierspital Zürich klinischer Alltag, Forschung und Innovation miteinander verbunden sind. Die chirurgische Onkologie entwickelt sich dort seit Jahren zu einem international wahrgenommenen Zentrum. „Wir machen Forschung aus der Klinik für die Klinik“, sagt Nolff. „Jede Studie, die wir durchführen, hat das Ziel, unseren Patient:innen neue Chancen zu eröffnen, die sie ohne Forschung nicht hätten.“
Das Future Board als Impulsgeber – und erstmals im Kongresspräsidium
In diesem Jahr spielt das Future Board der DVG eine besondere Rolle: Zum ersten Mal hat es, gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Moritz, das komplette Kongressprogramm verantwortet. Zum Präsidium gehören neben Prof. Dr. Mirja Nolff noch Dr. Jan-Peter Bach, Dr. Claudia Köhler, Prof. Dr. Mirja Nolff, Prof. Eva-Maria Saliu und Dr. Esther Haßdenteufel. Sie repräsentieren ein breites Spektrum tiermedizinischer Expertise: von Chirurgie und Innerer Medizin über Infektionsmedizin bis hin zu klinischer Lehre und Nachwuchsförderung. Das Future Board organisiert seit Jahren die freien Vorträge von der Abstract-Begutachtung bis zur Preisverleihung. „Unser Ziel war eine Mischung, die alle, von den frisch approbierten Tierärzt:innen bis zu erfahrenen Spezialist:innen, abholt. Praxisnähe, wissenschaftliche Tiefe und ein Blick auf die Themen von morgen gehören für uns untrennbar zusammen“, fasst Nolff zusammen. Für sie zeigt die diesjährige Programmgestaltung, wie wichtig die Perspektive der nächsten Generation ist: innovativ, offen, interdisziplinär.
AG Onkologie der DGK-DVG: offen, vernetzt und trotzdem oft unter sich
Als Leiterin der AG Onkologie der DG-DVG kennt die Tierärztin den Wert des Austauschs zwischen Fachdisziplinen. Die Arbeitsgemeinschaft vereint chirurgische, medizinische und strahlenonkologische Expertise, organisiert spezialisierte Fortbildungen und bietet Raum für tiefgehende Diskussionen. Und dennoch: „Wir sind leider oft unter uns“, sagt sie. „Dabei ist Onkologie ein Thema, das 60 Prozent unserer älteren tiermedizinischen Patient:innen betrifft.“ Viele praktizierende Tierärzt:innen wissen nicht, dass die AG offen für alle ist oder unterschätzen, wie relevant moderne onkologische Konzepte für ihre tägliche Arbeit sein können. Interdisziplinäre Formate wie gemeinsame Seminare mit der AG Neurologie oder der EG Chirurgie zeigen, wie groß das Interesse werden kann, wenn Schnittstellen beleuchtet werden.
Wissenstransfer: Vom Kongress bis Instagram – immer ein Balanceakt
Wie gelangt aktuelles Wissen in die Praxis? Traditionell über Vorträge und Publikationen, doch diese erreichen oft nur ein spezielles Fachpublikum. „Wir müssen heute anders kommunizieren“, sagt Nolff. Ihr Team setzt daher zunehmend auf Social Media, Podcasts und eine transparente Studienhomepage. „Es reicht nicht, Gutes zu tun – man muss auch darüber sprechen. Sonst bleibt Wissen im stillen Kämmerlein.“ Gleichzeitig kämpft die Onkologie mit hartnäckigen Missverständnissen: Chemotherapie, Tierversuche, schwere Operationen - diese Begriffe lösen bei Tierhalter:innen, aber auch bei Kolleg:innen negative Assoziationen aus, die aus der Humanmedizin stammen. Nolff betont: „Unsere Studien dienen ausschließlich erkrankten Tieren. Und eine gute Lebensqualität steht immer im Zentrum moderner Therapien.“
Klinische Forschung in Zürich
In Zürich fließen klinische Forschung und Praxis unmittelbar ineinander. Proben werden nach einer Operation innerhalb von Minuten in die Labore gebracht; genetische Analysen und pharmakologische Tests laufen parallel zur klinischen Arbeit. „Wenn sich zeigt, dass ein Ansatz funktioniert, landet er schnell wieder im OP – natürlich sorgfältig ethisch geprüft.“ Ein Schwerpunkt liegt auf Weichteilsarkomen beim Hund, die beim Menschen selten, in der Tiermedizin aber häufig auftreten. Das macht sie zu einem wertvollen Modell für die Precision Oncology – einem Ansatz, der in Zürich rasant wächst. „Wir wollen für jeden einzelnen Patienten verstehen, wo sein Tumor verletzlich ist – und wie wir ihn genau dort treffen können.“
Besonders eindrucksvoll ist die Fluoreszenzchirurgie: Farbstoffe, die Tumorgewebe sichtbar machen, ermöglichen extrem präzise Resektionen. Das Ergebnis: In Zürich werden 95 Prozent der Tumoren vollständig entfernt – weit über dem internationalen Durchschnitt von 30 bis 70 Prozent. Nolff berichtet von Fällen, in denen Patient:innen andernorts als „austherapiert“ galten. „Keiner dieser Hunde ist bei uns an seinem Tumor verstorben. Das zeigt, was heute möglich ist – und wie wichtig Wissenstransfer wäre.“
Warum Wissenstransfer trotzdem schwer bleibt
Die Gründe sind vielfältig: Zeitmangel, Informationsflut, Unsicherheit.„Allgemeinmediziner:innen müssen sich in allen Bereichen auf dem Laufenden halten – das ist kaum zu leisten“, sagt sie. Ein zentrales Register laufender Studien wäre ein wichtiger Schritt, ebenso eine offenere Kommunikation darüber, was moderne Onkologie tatsächlich leisten kann. In der Ausbildung jedoch sieht Nolff großes Potenzial. Viele Studierende sind begeistert, wenn sie moderne Chirurgie, Bildgebung oder Datenauswertung erleben. Doch das Studium gibt der Neugier auf Forschung oft nicht viel Raum. „Wir lehren viel darüber, was andere getan haben – aber zu selten, dass Studierende selbst Zukunft gestalten können.“
Zürich als Hotspot – und ein persönliches Fazit
Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünsche, antwortet Nolff: „Eigentlich bin ich glücklich.“ Zürich verfüge über starke Teams, ausreichend Funding und eine Haltung, die Grenzen nicht akzeptiert. „Wir wollen mehr helfen, und wir wollen es besser tun. Solange dieser Spirit bleibt, bin ich optimistisch.“
Sascha Schiffbauer & Andreas Moll
Prof. Dr. Mirja Nolff ist
zu Gast im VET REKORDER, dem Tiermedizin-Podcast von Andreas Moll und Sascha
Schiffbauer. Ab dem 15. Dezember 2025 spricht sie darüber, wie
wissenschaftliche Erkenntnisse ihren Weg in den Praxisalltag finden.