Ingo Fraedrich: "Verbindung von digitaler Intelligenz und analogem Herz"
Die Tiermedizin steht an einem Wendepunkt. Zwischen Fachkräftemangel, Bürokratie und wachsender Nachfrage nach tierärztlichen Leistungen bleibt kaum Zeit zum Atmen. Gleichzeitig entstehen digitale Werkzeuge, die genau das verändern können: Sie automatisieren Routine, entlasten Teams und schaffen Raum für das Wesentliche – die Medizin am Tier. Einer, der diese Transformation seit fast drei Jahrzehnten vorantreibt, ist Ingo Fraedrich, Gründer und Geschäftsführer von VetZ und Mitinitiator der AG Digitalisierung des Dessauer Zukunftskreises. Doch Fraedrich denkt über reine Technik hinaus. Er fragt, warum Tierarztpraxen vielerorts noch so analog sind – und warum über Personalmangel geklagt wird, während die Entlastung der Praxisteams durch digitale und KI-gestützte Anwendungen noch zu selten im Fokus steht.
„Digitalisierung braucht Zeit, weil sie nicht von selbst passiert, Mut, weil jede Veränderung auf Widerstände stößt, und sie braucht Kraft, weil man wie im Sport am Ball bleiben muss, um digital gesund zu werden“, erklärt Fraedrich. Der Dessauer Zukunftskreis e.V. (DZK) bietet den Rahmen, um gemeinsam über die Praxis der Zukunft nachzudenken, Lösungen zu entwickeln und Chancen sichtbar zu machen. Ziel ist es, zu zeigen, dass der sinnvolle Einsatz digitaler Technologien kein Schreckgespenst ist, sondern entscheidend dazu beitragen kann, mehr zu erreichen: mehr Zeit, mehr Zufriedenheit, mehr Erfolg. JUST4VETS hat mit Ingo Fraedrich über die Tierarztpraxis der Zukunft, aktuelle Entwicklungen bei VetZ und die Arbeit im Dessauer Zukunftskreis gesprochen.
„Keep the fingers away from the keyboard“
Herr Fraedrich, wenn Sie in einem Satz sagen müssten, wie die Tierarztpraxis der Zukunft aussieht – was wäre das Bild, das Sie vor Augen haben?
Die Tierarztpraxis der Zukunft ist digital vernetzt, intelligent organisiert und menschlich geführt. Sie entlastet das Team so weit, dass wieder mehr Zeit bleibt für das, worum es eigentlich geht: das Tier und die Beziehung zu den Tierhalter:innen. Oder, um es mit einem Satz zu sagen: „Keep the fingers away from the keyboard.“
Wie würden Sie den aktuellen Moment beschreiben – stehen wir am Beginn einer neuen Ära der Tierarztpraxis?
Ja, unbedingt. Wir erleben gerade den Übergang von der analogen Tierarztpraxis mit digitalen Tools zur digitalen Tierarztpraxis mit analogem Herz. Digitalisierung wird vom Werkzeug zum Fundament – nicht mehr zum Zubehör. In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, wer Prozesse nur digital abbildet – und wer sie wirklich neu denkt.
Welche konkreten KI-Anwendungen sehen Sie heute schon mit echtem Nutzen für Tierärzt:innen – und welche Vision haben Sie für die kommenden fünf Jahre?
Schon heute zeigt sich, wie künstliche Intelligenz die Tiermedizin konkret entlasten kann – etwa in der Röntgenbefundung, der Lahmheitsdiagnostik oder der automatisierten medizinischen Dokumentation. Ein spannendes Beispiel ist unsere Kooperation mit einem Berliner KI-Startup, das den ReportAssistent entwickelt hat: eine Anwendung, die Gespräche und Befunde automatisch dokumentiert und strukturiert. Tierärzt:innen können während der Behandlung oder im OP frei sprechen – die KI erstellt daraus in Sekunden einen vollständigen Bericht. Für uns ist das ein echter Gamechanger, weil er erstmals den Tierärzt:innen selbst – und nicht nur dem Praxisteam – Zeit zurückgibt. In fünf Jahren wird KI jedoch weit mehr können: administrative Aufgaben übernehmen, Daten strukturieren, Informationen verknüpfen und das gesamte Informationsmanagement in der Praxis automatisieren. Unsere Vision ist eine intelligente Praxis- und Gesundheitsplattform, die nicht nur Daten verwaltet, sondern aktiv mitdenkt.
„Digitalisierung ist kein Projekt, sondern ein Prozess“
Sie sagen: „Digitalisierung kostet Zeit, Mut und Kraft.“ Wie kann man diese Ressourcen im Praxisalltag realistisch mobilisieren, ohne das Team zu überfordern?
Indem Digitalisierung nicht als Projekt, sondern als Prozess verstanden wird. Niemand muss morgen perfekt digital sein - aber Tierärzt:innen können heute beginnen, analoge Routinen zu hinterfragen. Der Weg dorthin ist schrittweise: Zeit entsteht durch kleine, realistische Etappen. Mut wächst, wenn erste Erfolge sichtbar werden. Und Kraft kommt aus der Erkenntnis, dass digitale Werkzeuge keine Arbeit wegnehmen, sondern sie sinnvoller machen. Wenn das Team spürt, dass Technologie wirklich entlastet, wandelt sich Skepsis in Begeisterung.
Was wünschen Sie sich von der Branche – Industrie, Praxen, Hochschulen und Verbände –, um die digitale Transformation wirklich gemeinsam zu schaffen?
Wir brauchen Vernetzung statt Abschottung. Digitalisierung gelingt nur, wenn Praxis, Industrie und Wissenschaft zusammenarbeiten und ihr Wissen teilen. Mein Wunsch: weniger Konkurrenzdenken, mehr Kooperation. Die Tiermedizin muss begreifen, dass Digitalisierung kein Wettrennen gegeneinander ist, sondern ein Weg miteinander – im Sinne von Tiergesundheit, Nachhaltigkeit und Zufriedenheit in den Praxen.
Wie ist VetZ mit seinen aktuellen und zukünftigen Produkten bei dieser digitalen Transformation aufgestellt?
VetZ versteht sich nicht nur als Teil der digitalen Transformation, sondern als aktiver Gestalter. Unser Ziel ist es, Tiermedizin nicht nur digitaler, sondern menschlicher, effizienter und vernetzter zu machen. Mit vetOS entsteht eine zentrale Praxisplattform – eine Art „Central Main Station“ der Tiermedizin, cloudbasiert, flexibel und auf jedem Gerät nutzbar. Unter dem Dach von intelliVET bündeln wir eigene und externe KI-Anwendungen und integrieren sie in vetOS und petsXL. Das Ergebnis: mehr Zeit, mehr Zufriedenheit und mehr Erfolg – unser „More from Tomorrow“-Versprechen an Tierärzt:innen.
Fazit
Das Gespräch mit Ingo Fraedrich zeigt, dass technologische Innovation in der Tiermedizin weit mehr ist als die Einführung neuer Software. Sie ist ein Kulturwandel, der mit Kommunikation, Vertrauen und Lernbereitschaft beginnt. Digitalisierung, so seine Botschaft, darf kein Selbstzweck sein – sie soll entlasten, verbinden und die Mensch-Tier-Beziehung stärken. VetZ positioniert sich dabei nicht nur als Softwareanbieter, sondern als Impulsgeber für die Praxis der Zukunft. So wird mit vetOS eine zentrale, cloudbasierte Praxisplattform geschaffen und mit intelliVET eigene und externe KI-Anwendungen integriert – für mehr Effizienz, Vernetzung, Menschlichkeit und Zufriedenheit im Praxisalltag. Ingo Fraedrich und sein Team sind auf den großen Fachkongressen in Berlin (DVG Vet-Congress), Wiesbaden (bpt-Kongress) und Leipzig (LTK) mit eigenen Ständen vertreten und freuen sich auf den direkten Austausch mit interessierten Tierärzt:innen.