Dysphagie bei Hund und Katze - Physiologie, Diagnostik und Therapie
Als Dysphagie bezeichnet man jede Form einer Schluckstörung während oder nach der Aufnahme von Wasser oder Nahrung. Um Dysphagien besser einordnen und erkennen zu können, lohnt zunächst ein Blick auf den physiologischen Schluckakt. Dieser lässt sich anhand des Bolustransportes in drei Phasen unterteilen: die oropharyngeale, die ösophageale und die ösophagogastrale Phase.
Die oropharyngeale Phase beginnt mit der Aufnahme von Wasser oder Nahrung. Die aufgenommene Nahrung wird durch den Einsatz von Zähnen und Kaumuskulatur zerkleinert und unter Beimischung von Speichel zu einem Bolus geformt. Dieser Bolus wird durch das Zusammenspiel von Zunge und oropharyngealer Muskulatur in Richtung des oberen ösophagealen Sphinkters (OÖS) transportiert. Während sich der Oropharynx kontrahiert, öffnet sich der OÖS und die ösophageale Phase beginnt. Etwas zeitversetzt zur Relaxation des OÖS öffnet sich auch der untere ösophageale Sphinkter (UÖS). Eine primäre Peristaltikwelle transportiert den Bolus in Richtung Mageneingang. Die letzte Phase beginnt mit dem Eintritt des Bolus durch den geöffneten UÖS in den Magen und endet mit dem anschließenden Verschluss des UÖS.
Sollte die primäre Peristaltikwelle allein nicht ausreichen, um sämtliche Reste des abgeschluckten Materials aus dem Ösophagus zu entfernen, wird eine zweite (sekundäre) Peristaltikwelle initiiert. Diese wird durch verbliebenes Material ausgelöst, das eine lokale Distension des tubulären Ösophagus verursacht. Nach Abschluss des Schluckaktes sollte der UÖS geschlossen bleiben und sich lediglich zum physiologischen Abgasen, dem sogenannten Ruktus, öffnen (transiente Sphinkterrelaxationen). Kommt es in einer dieser drei Phasen zu Störungen, entsteht eine Dysphagie. Erkrankungen, die eine Dysphagie verursachen, lassen sich hinsichtlich ihrer Genese grob in zwei Gruppen unterteilen: strukturelle Ursachen sowie funktionelle Erkrankungen bzw. Asynchronitäten (Tabelle 1).
Wie diagnostiziere ich eine Dysphagie?
Anamnese und klinische Untersuchung: Auch ohne aufwendige technische Diagnostik lässt sich durch eine gezielte und ausführliche Anamnese sowie eine gründliche klinische Untersuchung bereits viel erreichen. Entscheidend ist, sich ausreichend Zeit zu nehmen und sich die klinischen Auffälligkeiten genau von den Besitzer:innen schildern zu lassen. Von den Tierhalter:innen mitgebrachtes Videomaterial kann dabei sehr hilfreich sein.
Neben den üblichen Standardfragen – wann die Symptome begonnen haben und wie sich der Verlauf gestaltet – lohnt es sich bei Dysphagie, gezielt nach weiteren Details zu fragen: Bei welchen Konsistenzen tritt das Problem auf? (Beim Trinken, bei Nassfutter oder bei Trockenfutter?) Diese scheinbar einfache Frage kann wichtige Hinweise darauf liefern, ob eher ein strukturelles oder ein funktionelles Problem vorliegt. Probleme bei der Wasseraufnahme sind beispielsweise häufiger funktionell bedingt. Strukturelle oder mechanische Hindernisse verursachen dagegen meist stärkere Schwierigkeiten beim Transport von fester Nahrung. Gleichzeitig kann diese Information bereits einen möglichen Therapieansatz für das Langzeitmanagement liefern.
Ist das Problem plötzlich aufgetreten oder zeigt es einen schleichend progressiven Verlauf?
War es möglicherweise bereits seit der Geburt vorhanden?
Fremdkörper verursachen typischerweise eine akute Symptomatik, während sich Neoplasien oder funktionelle Erkrankungen häufig schleichend entwickeln. Kongenitale Erkrankungen führen in der Regel bereits während der Säugephase oder spätestens bei der Umstellung auf feste Nahrung zu Dysphagie. Neben der allgemeinen klinischen Untersuchung sollten insbesondere folgende Aspekte berücksichtigt werden:
- Body Condition Score (BCS)
- Muscle Condition Score (MCS)
- Gesichtssymmetrie
- Funktion der Kopfnerven
- Palpation der Halsregion
Der Ernährungszustand kann Hinweise darauf geben, ob die Dysphagie bereits zu einer relevanten Mangelernährung geführt hat. Veränderungen der Gesichtssymmetrie oder Auffälligkeiten in der Kopfnervenfunktion können Hinweise auf funktionelle oder neurologische Erkrankungen liefern. Neoplasien oder Erweiterungen der Speiseröhre lassen sich nicht selten bereits bei der Palpation der Halsregion erkennen.
Labordiagnostische Untersuchungen: Neben einer Routinelaboruntersuchung empfiehlt es sich in der Dysphagiediagnostik, standardmäßig die Kreatinkinase (CK) zu bestimmen. Weitere Labortests sollten abhängig von der jeweiligen Verdachtsdiagnose ergänzt werden (Tabelle 2).
Bildgebende Verfahren
Eine statische Thoraxröntgenaufnahme kann Hinweise auf einen dilatierten Ösophagus, einen möglichen ösophagealen Fremdkörper, eine sekundäre Aspirationspneumonie oder größere extraluminale Raumforderungen liefern. Da Dysphagien jedoch häufig dynamischer Natur sind, sind der konventionellen Röntgendiagnostik hier Grenzen gesetzt. Eine fluoroskopische Schluckstudie kann dagegen sowohl anatomische beziehungsweise strukturelle als auch funktionelle Störungen detektieren. Wichtig ist, die Untersuchung in einer möglichst physiologischen Haltung des Tieres durchzuführen und unterschiedliche Konsistenzen der Nahrung zu testen. Ein Nachteil dieser Methode besteht im Risiko der Aspiration kontrastmittelhaltiger Nahrung oder Flüssigkeit. Gerade bei dysphagischen Patienten stellt dies ein relevantes Risiko dar, das im Vorfeld sorgfältig abgewogen und mit den Besitzer:innen besprochen werden sollte.
Eine Endoskopie ist besonders hilfreich beim Nachweis anatomischer oder mechanischer Veränderungen und bietet gleichzeitig die Möglichkeit zur gezielten Probenentnahme. Da sie jedoch unter Narkose durchgeführt wird, ist die Beurteilung funktioneller Störungen eingeschränkt. CT und MRT spielen in der Dysphagiediagnostik meist eine untergeordnete Rolle und werden in der Regel nur bei spezifischen Fragestellungen eingesetzt, beispielsweise bei Verdacht auf Neoplasien, Gefäßanomalien oder Myopathien.
Der diagnostische Goldstandard wäre die Durchführung einer High-Resolution-Manometrie. Diese kann im Wachzustand und ohne Kontrastmittel durchgeführt werden und erlaubt sowohl die Beurteilung anatomischer als auch funktioneller Störungen. Insbesondere Achalasien oder Asynchronitäten der Sphinkterfunktion lassen sich damit gut detektieren. Aufgrund der hohen Anschaffungs- und Betriebskosten der notwendigen Geräte ist diese Methode derzeit jedoch überwiegend spezialisierten Zentren und Universitätskliniken vorbehalten.
Wie behandle ich eine Dysphagie?
Wenn möglich, sollte immer die Grunderkrankung behandelt werden, die der Dysphagie zugrunde liegt. Je nach Diagnose kann dies eine medikamentöse, chemotherapeutische oder chirurgische Therapie umfassen. Ist eine kausale Therapie nicht möglich, spielt das Fütterungsmanagement eine zentrale Rolle. Bei einer oropharyngealen Dysphagie kann häufig bereits durch Anpassung der Futterkonsistenz eine deutliche Verbesserung erreicht werden, beispielsweise durch das Eindicken von Wasser. Bei ösophagealen oder ösophagogastralen Dysphagien können insbesondere eine erhöhte Fütterungsposition (Bild 1 + 2) sowie der Einsatz von Prokinetika hilfreich sein. Prokinetika können unter anderem zur Stabilisierung des unteren ösophagealen Sphinkters beitragen und durch eine beschleunigte Magenentleerung den Reflux von Ingesta aus Magen oder Duodenum reduzieren.
Take-Home-Message
Gerade bei Dysphagie lohnt es sich, eine ausführliche Anamnese und eine gründliche klinische Untersuchung durchzuführen. Häufig liefern unsere Patienten bereits selbst entscheidende Hinweise, um die Dysphagie lokalisiert einzuordnen. Eine möglichst präzise Lokalisation im Rahmen der Erstuntersuchung ermöglicht anschließend eine gezielte und effiziente Planung der weiterführenden Diagnostik.