Wissen entsteht nur, wenn wir es teilen!
Prof. Dr. Eva Schnabl-Feichter über Forschung, Chirurgie und den Weg vom Labor in die Praxis.
Wenn Prof. Eva Schnabl-Feichter über Chirurgie spricht, dann mit der Energie einer Forscherin, die jeden Tag erlebt, wie Wissenschaft den klinischen Alltag verändern kann. Die Leiterin der Kleintierchirurgie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien war auf dem diesjährigen DVG-Kongress gleich mehrfach als Referentin mit Vorträgen, die von aktuellen Forschungsergebnissen bis hin zu praxisorientierten chirurgischen Empfehlungen reichten,vertreten. Für sie ist das kein Nebenprodukt ihres Berufs, sondern ein zentraler Auftrag: „Wir sind an der Universität, um neues Wissen zu schaffen – und es an Kolleg:innen weiterzugeben.“
Neue Methoden oder Implantate entstehen an ihrer Klinik nicht „aus dem Bauch heraus“. Die regulatorischen Anforderungen in Österreich sind hoch – und Schnabl-Feichter begrüßt das. Forschung beginne heute immer am Kadaver, gefolgt von biomechanischen Untersuchungen und erst danach in multizentrischen klinischen Studien. „Etwas Neues ungetestet am lebenden Tier auszuprobieren - das sollte es nicht mehr geben", sagt sie. Der Idealfall: Forschungsergebnisse führen zu besseren Therapieentscheidungen und verändern langfristig Standards in der Praxis.
Brücken bauen zwischen Uni und Alltag
Wie aber kommt neues Wissen aus der Uni in die niedergelassene Praxis, besonders wenn sich Erkenntnisse so schnell ändern, dass eine Vorlesung nach drei Jahren überholt sein kann? Für Schnabl-Feichter liegt die Antwort klar bei Fortbildungen: „Kongresse sind unverzichtbar. Dort erreichen wir die Kolleg:innen, dort können wir Wissenschaft in praxisnahe Empfehlungen übersetzen.“ Wichtig sei dabei die richtige Sprache. Ein Vortrag voller Prozentzahlen und Studienstatistiken schrecke Praktiker:innen eher ab. Der Schlüssel sei die Balance zwischen wissenschaftlicher Evidenz und chirurgischer Erfahrung. „Wenn man beides zusammenbringt, nehmen die Leute das mit – und setzen es um.“
Dass sich Wissen ständig weiterentwickelt, empfindet Schnabl-Feichter nicht als Belastung, sondern als Essenz ihres Berufs. Und sie erwartet diese Haltung auch von jungen Kolleg:innen: „Wer Veterinärmedizin studiert, ist Naturwissenschaftler – und Naturwissenschaft bedeutet Veränderung.“ Aufgabe der Universität sei es vor allem, diese Neugier nicht abzustellen. Podcasts, Videos, moderne Vortragsformate – all das helfe, Forschung lebendig zu machen.
Wie die Zukunft der Chirurgie aussieht
Technologie wird für sie eine entscheidende Rolle spielen: Augmented-Reality-Systeme, Navigationshilfen im OP, KI-gestützte Planungshilfen für Implantationen. Ihr Team arbeitet bereits an AR-Projekten, die präoperative Planung und intraoperative Orientierung verbessern sollen. Doch trotz aller Technik bleibt sie überzeugt: „Der Chirurg wird nie ersetzt werden – dafür sind unsere Patient:innen zu unterschiedlich.“ Ein Roboter könne standardisierte Eingriffe durchführen, aber keine individuelle Anatomie von zwei bis 70 Kilogramm „lesen“.
Zwischen Familie, Forschung und OP – und warum Begeisterung ansteckend ist
Persönlich wirkt Schnabl-Feichter beeindruckend klar strukturiert. Sie erzählt offen, wie sie und ihr Mann – ebenfalls in einer leitenden Position – sich schon vor der Geburt ihrer Kinder bewusst abgestimmt haben, um Familie und Karriere zu vereinbaren. Diese Stabilität sei ihre Basis, gerade in einem Beruf, der hohe emotionale und mentale Anforderungen stellt: „Als Erstes kommt die Familie.“
Sascha Schiffbauer
Prof. Dr. Eva Schnabl-Feichter ist
zu Gast im VET REKORDER #4, dem Tiermedizin-Podcast von Andreas Moll und Sascha
Schiffbauer. Ab dem 15. Dezember 2025 spricht sie darüber, wie
wissenschaftliche Erkenntnisse ihren Weg in den Praxisalltag finden.