Das perfekte Match - Neustart an der Lübecker Bucht

Es beginnt mit einer einfachen Frage und mit einer gewissen Unzufriedenheit. Zwei Tierärztinnen arbeiten gemeinsam in einer Klinik in der Nähe von Lübeck. Der Alltag ist geprägt von Schichtdienst, hohem Tempo und wenig Planungssicherheit und noch weniger Wertschätzung. Immer häufiger sprechen Marisa Silkeit und Anna Jablonski darüber, wie ihre berufliche Zukunft aussehen könnte. Irgendwann fällt ein Satz, der zunächst halb im Scherz gemeint ist: „Dann machen wir uns eben selbstständig.“ Was als Gedankenspiel beginnt, wird bald konkreter. Beide möchten verstehen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Praxisübernahme? Neugründung? Welche Risiken, welche Chancen? Um Antworten zu finden, wenden sie sich an den Berater Julian Knierim.

Orientierung statt Schnellschuss

Julian Knierim arbeitet als Unternehmensberater für Tierärztinnen und Tierärzte bei TVD Finanz und begleitet seit vielen Jahren Praxisgründungen, Übernahmen und Nachfolgeregelungen. Seine Arbeit beginnt meist lange bevor überhaupt eine Praxis gefunden ist – nämlich mit der grundlegenden Frage, ob und wie der Schritt in die Selbstständigkeit überhaupt passen kann. Für Silkeit und Jablonski ist das erste Gespräch deshalb bewusst unverbindlich. Sie möchten vor allem verstehen, welche Möglichkeiten es gibt. Im Gespräch betont Knierim immer wieder, dass Praxisnachfolgen in der Tiermedizin selten kurzfristig gelingen. Viele Praxisinhaber beschäftigen sich erst sehr spät mit dem Thema, oft erst dann, wenn der Ruhestand unmittelbar bevorsteht. Genau das mache den Prozess kompliziert. Idealerweise, so seine Erfahrung, sollte eine Praxisnachfolge drei bis fünf Jahre vor dem geplanten Ausstieg vorbereitet werden. Denn eine Übernahme besteht aus mehreren Schritten: einer Bestandsaufnahme der Praxis, der Suche nach passenden Interessenten, Gesprächen zwischen Käufer:innen und Verkäufer:innen sowie der anschließenden Übergabephase. Selbst wenn sich zwei Parteien gefunden haben, vergeht oft noch viel Zeit, bis Finanzierung, Verträge und organisatorische Fragen geklärt sind.

Ein wichtiger Teil seiner Arbeit ist deshalb die ergebnisoffene Beratung. Ob eine Praxis an eine Einzelperson, ein Team oder möglicherweise auch an eine größere Struktur übergeben wird, hängt immer von den individuellen Vorstellungen der Praxisinhaber ab. „Viele wissen gar nicht, welche Optionen sie überhaupt haben“, sagt Knierim. Seine Aufgabe sieht er deshalb vor allem darin, einen Überblick zu schaffen und gemeinsam eine Lösung zu entwickeln, die langfristig funktioniert. Das erste Beratungsgespräch ist deshalb bewusst unverbindlich und kostenlos. Für Silkeit und Jablonski sollte dieses Gespräch jedoch eine unerwartete Dynamik entwickeln.

Das perfekte Match

Noch am selben Tag meldet sich Knieriem mit einer überraschenden Nachricht: Es gebe möglicherweise eine Praxis in der Nähe, die zu ihnen passen könnte. Eine Praxis an der Ostsee, in Timmendorfer Strand. Für Silkeit und Jablonski ist der Standort ideal. Silkeit stammt ursprünglich aus Lübeck, beide möchten in der Region bleiben. Wenige Tage später treffen sie erstmals auf den Praxisinhaber Dr. Thomas Hinz und seine Frau. Der erste Eindruck entscheidet. „Wenn es menschlich nicht gepasst hätte, hätten wir sofort aufgehört“, erinnert sich Marisa Silkeit. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Gespräche verlaufen offen, unkompliziert und von gegenseitiger Sympathie geprägt. Die beiden Tierärztinnen bekommen zudem die Gelegenheit, im Praxisalltag mitzulaufen und das Team kennenzulernen. Auch dort stimmt die Chemie. Was normalerweise ein langer Prozess ist, entwickelt sich erstaunlich schnell. Vom ersten Beratungsgespräch bis zur konkreten Übernahme vergeht nur etwa ein halbes Jahr - für eine Praxisnachfolge nahezu Rekordtempo.

Wir bilden ein perfektes Match und arbeiten Hand in Hand in unserer Praxis.".

Marisa Silkeit, Dr. Thomas Hinz und Anna Jablonski, Tiermedizin am Kurpark

Praxis mit Geschichte

Dr. Thomas Hinz kennt solche Aufbrüche. Der Tierarzt hat im Laufe seines Berufslebens mehrere Praxen aufgebaut: zunächst in Dortmund, später in Andalusien, danach in Seevetal. 2017 entsteht schließlich gemeinsam mit seiner Frau die Kleintierpraxis in Timmendorfer Strand. Das Gebäude hat eine ungewöhnliche Vergangenheit. Früher befand sich hier ein Fahrradgeschäft. Als Hinz und seine Frau die Räume entdecken, ist es noch eine einzige große Fläche. Der Vermieter bietet an, den Umbau nach ihren Vorstellungen umzusetzen. So entsteht Schritt für Schritt eine moderne Kleintierpraxis. Das Einzugsgebiet reicht heute weit über den Ort hinaus. Patienten kommen aus der gesamten Lübecker Bucht, aus dem Hinterland und nicht selten aus Hamburg. Viele Tierhalter:innen besitzen hier eine Zweitwohnung und schätzen Hinz und sein Team sowie die Terminsprechstunde in der Praxis. „Wir wollten eine stabile Mischung aus Einheimischen und Urlauber:innen“, sagt Hinz rückblickend. Genau diese Mischung sorgt dafür, dass die Praxis auch außerhalb der Ferienzeiten gut ausgelastet ist.

Ungewöhnlicher Generationswechsel

Für viele Praxisübernahmen ist der Moment des Übergangs kritisch. Der alte Inhaber geht, der neue übernimmt – und die Kund:innen müssen sich an neue Gesichter gewöhnen. In Timmendorfer Strand läuft es anders, denn Dr. Thomas Hinz bleibt. Heute arbeitet der 66-Jährige weiterhin als angestellter Tierarzt in der Praxis und hat eine Rolle gefunden, die im Praxisalltag erstaunlich gut funktioniert. Er berät, unterstützt und bringt seine Erfahrung ein, ohne den neuen Inhaberinnen die Entscheidungen aus der Hand zu nehmen. „Er hat von Anfang an klar gesagt, dass es unsere Praxis wäre“, erzählt Anna Jablonski. Diese Haltung sei entscheidend gewesen. Statt Konflikten entsteht so ein fließender Übergang. Auch für Hinz selbst ist dieser Schritt bewusst gewählt. Nach Jahrzehnten intensiver Arbeit möchte er sich langsam zurücknehmen, ohne seine Leidenschaft für die Tiermedizin komplett aufzugeben.

Sechs Monate nach der Übernahme hat sich der Alltag in der Praxis eingespielt.

Tiermedizin am Kurpark Marisa Silkeit & Anna Jablonski

Neue Impulse für die Praxis

Während vieles im Praxisalltag bewusst erhalten bleibt, vor allem die eingespielte Teamstruktur, bringen Silkeit und Jablonski auch neue fachliche Schwerpunkte ein. Die Diagnostik wurde erweitert: Ein Ultraschallgerät gehört ebenso dazu wie neue Möglichkeiten in der Augenuntersuchung. Auch im OP-Bereich gibt es Neuerungen, etwa die Einführung der Inhalationsnarkose. Ein besonderer Schwerpunkt liegt inzwischen auf der Zahnmedizin. Mit Dentalröntgen und moderner Zahnstation wurde dieser Bereich deutlich ausgebaut. „Das war vorher zeitlich einfach nicht mehr zu schaffen“, erklärt Hinz. Nun gehört die Zahnbehandlung wieder selbstverständlich zum Leistungsspektrum der Praxis.

Unternehmerinnen mit Verantwortung

Für beide Tierärztinnen bedeutet die Praxisübernahme auch einen persönlichen Schritt. Während sie früher angestellt waren, tragen sie heute Verantwortung für Mitarbeiter, Investitionen und wirtschaftliche Entscheidungen. „Als Angestellte war ein ruhiger Tag einfach ein ruhiger Tag“, sagt Jablonski. „Als Praxisinhaberin fragt man sich sofort, warum heute keiner anruft?“ Diese Perspektive verändert den Blick auf den Praxisalltag. Doch trotz aller Verantwortung überwiegt bei beiden die Begeisterung für die neue Rolle. Die Zusammenarbeit im Team, die Gestaltungsmöglichkeiten und die Nähe zu den Tierhalter:innen geben ihnen das Gefühl, genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Blick nach vorn

Sechs Monate nach der Übernahme hat sich der Alltag in der Praxis eingespielt. Für die beiden neuen Inhaberinnen bleibt die Zukunft dennoch spannend. Vielleicht wird die Praxis irgendwann größer. Vielleicht entstehen neue Räume oder sogar ein neuer Standort. Doch im Moment zählt vor allem eines: ein funktionierendes Team, zufriedene Tierhalter:innen und vor allem die Freude an der Arbeit. „Ich hoffe, dass ich auch in fünf Jahren noch jeden Tag gerne hierherkomme“, sagt Anna Jablonski. Die Voraussetzungen dafür sind an diesem Ort an der Lübecker Bucht jedenfalls ausgesprochen gut.

Andreas Moll