VET REKORDER #2: Geglückte Premiere des TiHo-VetFestival
Ein neues Format hat die Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) Ende August auf die Beine gestellt: das TiHo-VetFestival. Fortbildung, Austausch und Festivalstimmung – diese ungewöhnliche Kombination lockte rund 1200 Teilnehmende und über 50 Aussteller nach Hannover. Sascha Schiffbauer und Andreas Moll haben für die 2. Folge des Tiermedizin-Podcast VET RECORDER mit den drei zentralen Köpfen des Festivals gesprochen und darüber hinaus Stimmen von Teilnehmenden, Ausstellern und Referent:innen eingefangen.
Von der Idee zur Zeltstadt
„Die Idee kam, als ich aus dem Fenster auf unsere Apfelbaumwiese schaute“, erinnert sich Holger Volk. „Warum nicht die Hörsäle für klassische Vorträge nutzen – und draußen Festivalstimmung mit Austausch, Musik und Lernerlebnissen schaffen?“ Unterstützt von allen Klinikleiter:innen der TiHo nahm die Vision schnell Gestalt an - Michael Pees und Julia Tünsmeier stimmten ein, das Konzept dieses Jahr umzusetzen. "Als wir gemeinsam im April des Jahres entschieden haben, die Veranstaltung in Hannover umzusetzen, war das ein typischer Sonnenbrillen-Moment - ein bisschen zu groß, ein bisschen verrückt, aber genau deswegen die richtige Idee“, so Volk. Und tatsächlich wurde aus der anfänglichen Idee mit einzelnen Zelten binnen vier Monaten eine ganze „Zeltstadt“. Besonders stolz sind die Organisator:innen auf den Zusammenhalt innerhalb der Hochschule. „Endlich haben einmal alle Kliniken gemeinsam an einem Strang gezogen“, so Volk. „Auch Mitarbeitende aus Verwaltung und Technik haben mitgeholfen – bis hin zu nächtlichen Einsätzen auf der Tanzfläche.“
Sascha Schiffbauer und Andreas Moll haben für die 2. Folge des Tiermedizin-Podcast VET RECORDER mit den drei zentralen Köpfen des Festivals gesprochen."
Lernen als Erlebnis
Das wissenschaftliche Programm war bewusst breit aufgestellt: Vorträge, Seminare in Kleingruppen – und vor allem die innovativen Drop-In Sessions. „Wir wollten weg von Death by PowerPoint“, erklärt Volk. „Statt stundenlang Folien abzusitzen, sollen Kolleg:innen ins Gespräch kommen. Auch Julia Tünsmeyer war begeistert vom Format: „Man läuft spontan in die Sessions hinein, redet mit Spezialist:innen, knüpft Kontakte – ganz ohne Anmeldung. Diese Nähe und Lockerheit haben viele als besonders wertvoll empfunden.“ Jasmin Neßler, die gemeinsam mit Andrea Tiepold eine Drop-In Session zur Liquor-Punktion umgesetzt hat, unterstützte diese Aussage: "Die Teilnehmenden konnten an einem Modell mit präpariertem Stoffhund Landmarken ertasten und eine Liquor-Punktion üben. Es war herrlich zu sehen, wie die Kolleg:innen anfangs nervös waren und dann mit einem breiten Grinsen dastanden, wenn es geklappt hat." Auch Johanna Rieder zeigte sich ebenfalls begeistert: „Wir haben heute die Möglichkeit, Katzen mit Diabetes nicht nur klassisch mit Insulin, sondern auch evidenzbasiert mit oralen Antidiabetika zu behandeln. Für ausgewählte Patienten ist das eine echte Bereicherung.“
Ein besonderes Merkmal: Alle Mitglieder des tierärztlichen Teams waren eingeladen – Studierende, TFA und Tierärzt:innen. „Wir hatten wirklich Full House“, berichtet Volk. „Und abends beim Feiern gab es keine Unterschiede – Professor:innen, TFAs, Studierende, alle waren gleich.“ Michael Pees ergänzt: „Wir haben aus der Corona-Zeit gelernt. Online ist praktisch, aber die persönliche Begegnung, das Netzwerken, das gemeinsame Erleben – das brauchen wir. Und genau das hat dieses Festival ermöglicht.“
Einer der enge Verbindungen zur TiHo pflegt, ist Jens-Uwe Martsekis, Inhaber des Familienunternehmens CP Pharma mit Sitz in Burgdorf ("Nur eine Ampel bis zur TiHo“). Er schätzt die "ganz neue Form tierärztlicher Fortbildung mit der Mischung aus Fachprogramm und Party-Atmosphäre auf der grünen Wiese". Besonders fiel ihm das junge Publikum auf, was er als bereichernd empfand. Martsekis ist die langfristige Perspektive wichtig, junge Tierärzt:innen und Studierende frühzeitig zu erreichen und die Szene aktiv zu unterstützen.
Festivalgefühl mit Seifenblasen und Feuershow
Auch das Rahmenprogramm hatte es in sich: „Wir hatten Live-Bands,
DJs, eine Seifenblasenkünstlerin, ein Showpony, eine Feuershow,
Hüpfburgen für die Kinder – und Hunde waren natürlich ebenfalls
willkommen“, erzählt Tünsmeier. „Ich war anfangs etwas nervös, dass es
zu viel Durcheinander geben könnte – aber es war unglaublich entspannt.
Sogar die Industriepartner waren lockerer als sonst.“ Die Resonanz der
Aussteller war durchweg positiv. „Viele haben uns gesagt: Es ist so
angenehm, mal nicht in einer Messehalle zu stehen, sondern draußen in
der Sonne intensive Gespräche zu führen“, berichtet Pees. Allgemein fiel
auf, dass der Durchschnitt der Festival-Besucher:innen extrem jung war.
Hauptsponsor Boehringer Ingelheim hatte sich im Vorfeld darauf
eingestellt. Ulrike Höhendorff erklärte: „Die jungen Tierärzt:innen sind die Zukunft der veterinärmedizinischen Versorgung
– wir wollen als Innovationspartner frühzeitig in den Dialog treten,
auf Augenhöhe, mit Respekt und echtem Interesse.“ Claudia Schöning ergänzte, dass bei Boehringer die TFA stärker gewertschätzt werde: "Wir haben einen Podcast gestartet und regelmäßige TFA-Total-Webinare ins Leben gerufen.“
Jan Lang, Gründer von Amamus Vet, das seit 2018 erfolgreich mit kaltem Plasma zur Antibiotikaeinsparung in der Tiermedizin arbeitet, zeigte sich begeistert vom neuen Format."
Signal für eine neue Tiermedizin
Das Festival spiegelte auch den Wandel in der Tiermedizin wider. „Vor zehn Jahren wäre so ein Event kaum denkbar gewesen“, sagt Volk. „Heute verstehen wir Tiermedizin als Teamleistung – mit TFA, Studierenden und Spezialist:innen. Diese Offenheit passt in die Zeit.“ Julia Tünsmeier ergänzt aus ihrer Perspektive: „In meinen Vorträgen zur Schmerztherapie wurde klar, wie wichtig Kommunikation mit Tierhalter:innen ist. Ohne sie ist das Team unvollständig.“ Das sieht Roman Bachtin, Rauberger Medizintechnik, ganz ähnlich, der die vielen spannenden Gespräche in lockerer Atmosphäre hervorhob: "Für uns als junges, innovatives Unternehmen war es wichtig, bei diesem neuen Format dabei zu sein. Wir wollen zeigen, wofür Rauberger steht – unsere Kompetenz, unser Service, unsere Innovationskraft.“ Jan Lang, Gründer von Amamus Vet, das seit 2018 erfolgreich mit kaltem Plasma zur Antibiotikaeinsparung in der Tiermedizin arbeitet, zeigte sich begeistert vom neuen Format: „In diesem entspannten Umfeld entstehen viel intensivere Gespräche zwischen Industrie, Wissenschaft und Praxis als in einem steifen Kongresssaal.“
Blick nach vorn
Das TiHo-VetFestival soll keine Eintagsfliege bleiben. Schon in zwei Jahren soll es weitergehen – größer, bunter und noch vielfältiger. „Wir wollen weitere TiHo-Einrichtungen einbinden unf die Festivalwiese mit mehr Lernangeboten bespielen“, so Pees. „Und natürlich gibt es dann auch eine noch bessere Band für Julia“, wirft Volk lachend ein. Tünsmeier fasst zusammen: „Wir haben einen Grundstein gelegt für etwas Besonderes, das es in Deutschland bisher so nicht gibt. Mein Wunsch ist, dass die, die jetzt da waren, in zwei Jahren wiederkommen – und ihre Freund:innen mitbringen.“
Andreas Moll