Rita Leibinger Medical - Implantate für die Tiermedizin
Mitten im Weltzentrum der Medizintechnik, im schwäbischen Mühlheim bei Tuttlingen, hat sich ein kleines Familienunternehmen einen großen Namen gemacht. RITA LEIBINGER Medical gilt als eines der wenigen Unternehmen im Bereich der veterinärmedizinischen Orthopädie, das in Deutschland fertigt in Deutschland fertigt – ein Vorteil, der sich besonders in Krisenzeiten als unbezahlbar erwiesen hat. Während der Corona-Pandemie und in den Folgejahren mit Lieferkettenproblemen, Materialknappheit und geopolitischen Störungen blieb das Unternehmen vollständig lieferfähig. „Uns hat das null betroffen“, sagt Nelson Buschle. Im Gegenteil: Durch die Lieferschwierigkeiten anderer Anbieter gewann Rita Leibinger neue Kund:innen – weil das Unternehmen unabhängig von globalen Zulieferketten agieren kann.
Von der Idee zur eigenen Produktion
Gegründet wurde das Unternehmen von Rita Leibinger und Kurt Bucher, die beide aus der oralen Implantologie stammen. „Wir wollten irgendwann nicht mehr nur vermitteln, sondern selbst gestalten“, erinnert sich Bucher. Anfangs handelte das Duo mit Implantaten aus der Region Tuttlingen, bis es 2011 beschloss, selbst zu produzieren. Der Einstieg in die Veterinärmedizin war, wie so oft, eine Mischung aus Mut, Glück und Zufall. Ein Entwickler aus Belgien überzeugte sie, ihre Technologie für die Entwicklung von Titanimplantaten auch für Tiere heranzuziehen. Kurz darauf wagte ein Chirurg an der Universität Gent bei einem elfjährigen Hund mit Kreuzbandriss den ersten Einsatz. „Die Operation war ein voller Erfolg“, erzählt Bucher. „Ab diesem Moment wussten wir, dass das funktioniert.“ „Am Anfang war vieles Handarbeit – im wahrsten Sinne“, erinnert sich Bucher weiter. „Aber gerade das hat uns geprägt: Wir haben jedes Teil in der Hand gehabt und verstanden, was Qualität wirklich bedeutet.“
Wachstum mit Haltung
Heute beschäftigt Rita Leibinger Medical rund 27 Mitarbeitende. In einem modernen Firmengebäude – lichtdurchflutet, energieautark, mit Holzständerbauweise und Photovoltaikanlage – wird auf über 1.400 Quadratmetern gefräst, poliert, montiert und verpackt. Die Fertigungstiefe liegt bei über 90 Prozent. „Vom Titanblech bis zum hochrein verpackten Implantat passiert fast alles bei uns im Haus“, sagt Nelson Buschle, der seit 2015 Teil der Geschäftsleitung ist und die zweite Generation repräsentiert. „Wir wollten unabhängig sein – von Zulieferern, von langen Lieferzeiten, von Kompromissen. Wenn wir Qualität garantieren wollen, müssen wir sie selbst herstellen.“ Das Unternehmen arbeitet nach DIN ISO 13485, also nach dem Qualitätsstandard der Humanmedizin. Jeder Arbeitsschritt ist dokumentiert, jedes Produkt rückverfolgbar. Rita Leibinger beschreibt es so: „Unser Anspruch war nie, das Günstigste zu liefern, sondern das Beste – und zwar verlässlich. Trotzdem können wir unsere Produkte unseren Kund:innen dank der eigenen Herstellung sehr wettbewerbsfähig anbieten.“
Kurt Bucher, Nelson Buschle, Rita Leibinger, Uwe Vorgerd und Andreas Moll.
Forschung, Fertigung und Verantwortung
Wer durch die Produktionshalle in Mühlheim geht, spürt den Stolz des
Teams. Zwischen modernsten CNC-, Fräs-, Dreh-, Schleif- und
Poliermaschinen herrscht konzentrierte Ruhe. 15 Fertigungsschritte sind
nötig, um aus einem Titanrohling ein Implantat zu machen: Fräsen,
Schleifen, Polieren, Anodisieren, Lasern, Endreinigen, Verpacken – und
dazwischen immer wieder Qualitätskontrollen. „Wir prüfen jedes Teil
mehrfach“, sagt Buschle. „Wenn du erst am Ende kontrollierst, ist es zu
spät.“
Innovation aus Erfahrung
Neben etablierten TPLO-Systemen und orthopädischen Platten zur Frakturbehandlung entwickelt RITA LEIBINGER Medical kontinuierlich neue Lösungen – etwa für die Veterinär-Neurochirurgie, die Hüftchirurgie oder maßgefertigte 3D-Implantate. Eine besonders zukunftsweisende Technologie ist das 3D-HIP-System für Hunde mit Hüftdysplasie (HD), das in Zusammenarbeit mit der <Universitüt Utrecht entwickelt wurde. Ziel ist eine schonende und effektive Behandlung dieser häufigen Fehlbildung der Hüfte. Das Verfahren nutzt patientenspezifische, 3D-gedruckte Implantate, die die degenerierte Hüftpfanne rekonstruieren. „Wir sind stolz darauf, dass unsere Implantate es Tierärzt:innen ermöglichen, Hunden mit Hüftdysplasie zu neuer Lebensqualität zu verhelfen und Schlimmeres zu verhhindern“, sagt Nelson Buschle.
Von Bologna bis Berlin – vernetzt mit der Fachwelt
RITA LEIBINGER Medical ist regelmäßig auf internationalen Fachkongressen präsent – vom European Veterinary Orthopaedic Congress (ESVOT) über das European Veterinary Dental Forum (EVDF) bis hin zu VMX Veteriunary Conference in Orlando oder dem Leipziger Tierärztekongress. „Diese Veranstaltungen sind für uns enorm wichtig“, sagt Buschle. „Hier treffen wir Tierärzt:innen, führen Gespräche und erfahren, was im OP-Alltag wirklich benötigt wird. Innovation lebt vom Dialog.“
Weiterbildung als Schlüssel
Ein weiterer wichtiger Pfeiler ist die Aus- und Weiterbildung: Über 1.000 Tierärzt:innen wurden bislang geschult – etwa in der Anwendung spezieller Implantate oder chirurgischer Techniken. Buschle beobachtet, dass die Tiermedizin immer spezialisierter wird: Themen wie Neurochirurgie, Gelenksersatz oder neue orthopädische Verfahren gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig bleibt der Bedarf an klassischer Ausbildung – etwa Fraktur- oder Kreuzbandversorgung – bestehen. Die Seminare seien bewusst preislich moderat gehalten. Weiterbildung verstehe man als Service und Investition in die Anwender:innen: „Wir verdienen daran nichts – uns ist wichtig, dass Tierärzt:innen die Techniken lernen und sicher anwenden.“ Wirtschaftlich rechnet sich die Teilnahme schnell: Schon nach einer erfolgreichen Operation seien die Kosten der Fortbildung und der Anschaffung des Implantatsatzes meist wieder eingespielt.
Familie als Fundament, Zukunft als Ziel
Trotz internationaler Ausrichtung mit einem eigenen Büro und Lagern in Chicago und Houston bleibt das Unternehmen ein Familienbetrieb im besten Sinne. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, manchmal leidenschaftlich diskutiert, aber immer mit Respekt. „Ich finde es bemerkenswert, dass hier kein großer Investor im Hintergrund steht“, sagt Uwe Vorgerd, Key Account Manager für die DACH-Region. „Alles, was im Unternehmen erwirtschaftet wird, fließt wieder in neue Entwicklungen, Maschinen oder Mitarbeitende. Das ist echtes, gesundes Wachstum – Schritt für Schritt.“ Ein weiterer Vorteil dieser Unabhängigkeit ist die Nähe zu den Kund:innen und Partner:innen: Tierärzt:innen können jederzeit direkt mit dem Unternehmen in Kontakt treten, ihre Erfahrungen teilen oder Anregungen geben – etwas, das bei großen Konzernen oft nicht möglich ist. Auch Spezialist:innen arbeiten eng mit dem Team zusammen, wenn es um die Weiterentwicklung bestehender Produkte oder die Entwicklung neuer Lösungen geht. Diese persönliche Verbundenheit und offene Kommunikation sind fest in der Unternehmenskultur von RITA LEIBINGER Medical verankert.„Wir haben nie in Größenordnungen gedacht, sondern in Möglichkeiten“, ergänzt Rita Leibinger. „Für uns war immer entscheidend, dass wir etwas Sinnvolles schaffen – für Tierärzt:innen, Tiere und die Menschen, die mit ihnen arbeiten.“
Rita Leibinger Medical steht exemplarisch für eine neue Generation familiengeführter Medizintechnikunternehmen: regional verwurzelt, technologisch führend und getragen von echter Leidenschaft für Tiergesundheit.
Andreas Moll