"Brücken bauen": Prof. Martin Kramer über Fortschritt und Verantwortung in der Tiermedizin
Wenn, wie in diesem Jahr, in Berlin 3.450 Tierärzt:innen und Tiermedizinische Fachangestellte zusammenkommen, 40 Fachgruppen tagen und über 300 Referent:innen sprechen, dann wird sichtbar, wie vielfältig die moderne Tiermedizin ist. Der DVG-Vet-Congress gehört zu den größten wissenschaftlichen Veranstaltungen der Branche – und kaum jemand kennt ihn so gut wie Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Martin Kramer. Als Präsident der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) und Leiter der Klinik für Kleintierchirurgie an der Justus-Liebig-Universität Gießen bewegt er sich seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis. Sein zentrales Anliegen: Wissenstransfer. „Wissenschaft ist nur so viel wert, wie sie in der Praxis etwas verändert“, sagt Kramer im Gespräch mit Sascha Schiffbauer und Andreas Moll. Und genau dafür ist der Kongress gemacht: um aktuelles Wissen zugänglich, verständlich und anwendbar zu machen – für alle, die täglich in Tierarztpraxen Entscheidungen treffen.
Wissenstransfer: Mehr als Studien und Vorträge
Die DVG vereint alle veterinärmedizinischen Fachrichtungen – Kleintiere, Nutztiere, Bienen, Reptilien, Wildtiere, Epidemiologie, Pathologie und viele andere. „Wir sind eine Dachgesellschaft. Unsere Aufgabe ist es nicht nur, Wissen zu generieren, sondern es auch dort nutzbar zu machen, wo Tierärzt:innen es brauchen“, betont Kramer. Dabei geht es nicht nur um neue Erkenntnisse, sondern um das Zusammenspiel der Akteur:innen: Universitäten, große und kleine Praxen, Industrie, Forschungseinrichtungen und Studierende. Sie alle begegnen sich auf dem Kongress und bilden das Ökosystem, das den Wissenstransfer in der Tiermedizin trägt. Für Kramer ist klar: „Nur wenn alle miteinander arbeiten, funktioniert es. Forschung allein reicht nicht. Praxis allein auch nicht.“
Ein Motto aus der nächsten Generation: „Zurück in die Zukunft“
Das diesjährige Programm vom Future Board der Deutschen Gesellschaft für Kleintiermedizin gestaltet. Dort sitzen Nachwuchswissenschaftler:innen aus allen fünf deutschen Fakultäten, unterstützt von Prof. Dr. Andreas Moritz, dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Kleintiermedizin (DGK-DVG). Gemeinsam entscheiden sie über Inhalte, Formate und Schwerpunkte. Das Ergebnis: ein Kongress, der frische Ideen mit fundierter Wissenschaft verbindet. Für Kramer ist dieses Modell ein Gewinn: „Der Generationenwechsel passiert nicht irgendwann. Er passiert jetzt. Und wir sollten ihn aktiv gestalten.“ Dass junge Kolleg:innen Verantwortung übernehmen, sei entscheidend für die Zukunft der Tiermedizin. Beim Thema "Fortschritt der Kleintiermedizin" erinnert sich Kramer an die Zeit, als der Ultraschall erstmals in die Tiermedizin kam – ein technologischer Sprung, den er selbst wissenschaftlich begleitet hat. „Vor dem Ultraschall wusste man oft erst nach einer Operation oder sogar erst post mortem, was im Körper passiert war. Plötzlich konnten wir Strukturen sehen, die vorher unsichtbar waren.“ Der Ultraschall war der Beginn einer Entwicklung, die über CT und MRT bis zu den heutigen hochspezialisierten bildgebenden Verfahren reicht – und damit die Chirurgie, Orthopädie und Neurologie fundamental verändert hat. Diese Entwicklung zeigt für Kramer, wie Wissen und Technik die Praxis verbessern können: nicht durch einzelne große Entdeckungen, sondern durch den kontinuierlichen Transfer in die tägliche Arbeit.
Künstliche Intelligenz
Natürlich spielt KI eine wachsende Rolle – aber Kramer warnt vor falschen Erwartungen. „KI kann Muster erkennen, Daten analysieren und in der Radiologie unterstützen. Aber sie ersetzt niemals die klinische Untersuchung und das ärztliche Urteil.“ Besonders spannend findet er die Verbindung von KI und 3D-Druck: individuelle Implantate, die aus CT-Daten modelliert und in kurzer Zeit hergestellt werden können. Ein Fortschritt mit unmittelbarem Nutzen für Kleintiere – vom Yorkshire Terrier bis zum Neufundländer. Auch in der Nutztiermedizin, etwa in der Bestandsdiagnostik, wird KI bereits erfolgreich eingesetzt. Doch Kramer betont: „Jede Technologie ist nur so gut wie der Mensch, der sie nutzt. Wir müssen lernen, verantwortungsvoll damit zu arbeiten.“
Führung, Verantwortung und der Blick nach vorn
Neben der Wissenschaft spricht Kramer offen über Wandel und Verantwortung. Der Beruf sei erfüllend, aber auch fordernd. „Wer Tiere behandelt, trägt eine hohe Verantwortung: dem Tier, den Besitzenden und sich selbst gegenüber.“ Deshalb sei es wichtig, Nachwuchstalente auszubilden, ihnen Raum zu geben und sie ernst zu nehmen. Das internationale Weiterbildungssystem über die European Colleges habe die Qualität in vielen Bereichen weiter erhöht – und mache die deutsche Tiermedizin global sichtbar. Bis Ende 2027 wird Kramer noch als Präsident der DVG im Amt sein. Dann möchte er Platz machen für eine jüngere Generation. „Tiermedizin ist meine Berufung. Aber es ist gut, wenn diejenigen übernehmen, die die nächsten Jahrzehnte prägen werden.“
Der DVG-Vet-Congress zeigt, wie vielfältig die Tiermedizin heute ist – und wie wichtig der Austausch zwischen Forschung, Praxis und Industrie bleibt. Wissenstransfer ist dabei kein Nebenprodukt, sondern das Herzstück. „Wenn Tierärzt:innen bereit sind, ihr Wissen ständig zu erneuern, bleibt die Tiermedizin lebendig“, sagt Kramer. Und genau dafür gibt es Orte wie diesen Kongress.
Sascha Schiffbauer & Andreas Moll
Prof. Dr. Martin Kramer ist zu Gast im VET REKORDER, dem Tiermedizin-Podcast von Andreas Moll und Sascha Schiffbauer. Ab dem 15. Dezember 2025 spricht er darüber, wie wissenschaftliche Erkenntnisse ihren Weg in den Praxisalltag finden.