Kaltplasma: Mehr als eine Alternative

Noch vor wenigen Jahren galt die Kaltplasmatherapie in der Tiermedizin als Spezialverfahren für wenige, besonders innovationsaffine Praxen. Heute zeichnet sich ein deutlicher Wandel ab. „Kaltplasma ist in der Breite angekommen und setzt sich jetzt mit großen Schritten durch“, sagt Jan Lang, Geschäftsführer von AMAMUS Vet. Seit inzwischen sieben Jahren begleitet er die Entwicklung der Technologie im veterinärmedizinischen Alltag und beobachtet eine klare Verschiebung: weg von der Diskussion über die grundsätzliche Wirksamkeit, hin zu ganz praktischen Überlegungen, wie sich Kaltplasma strukturiert und effizient in den Praxisalltag integrieren lässt.

Zwischen Bekanntheit und Verständnis

Kaltplasma ist inzwischen ein Begriff, doch das Verständnis der Wirkmechanismen ist nicht überall gleich tief. „Viele Tierärzt:innen haben von guten Ergebnissen gehört, wissen aber nicht im Detail, was auf zellulärer Ebene passiert“, so Lang. Die Aufklärungsarbeit konzentriere sich daher darauf, verständlich zu machen, dass Kaltplasma nicht nur Keime auf der Hautoberfläche reduziert, sondern auch in tieferen Gewebeschichten wirkt und zugleich regenerative Prozesse stimuliert. In der Praxis gehe es dabei schnell um konkrete Fragen: geeignete Indikationen, Abrechnung und die sinnvolle Integration in bestehende Abläufe.

Dermatologie als Kernanwendung

Besonders klar etabliert hat sich Kaltplasma in der Dermatologie. Von milden Hautrötungen über chronische Hotspots bis hin zu großflächigen Läsionen reicht das Anwendungsspektrum. „Gerade bei allergischen Patienten und chronischen Hautproblemen ist Kaltplasma heute fest verankert“, erklärt Lang. Während anfangs vor allem akute, teils großflächige Wunden im Fokus standen, zeigt sich im Praxisalltag ein anderer Schwerpunkt: Der größte Nutzen für die klassische Kleintierpraxis liegt heute in chronisch-dermatologischen Fragestellungen. Denn schwere, akute Wunden sind vergleichsweise selten, während allergische und entzündliche Hauterkrankungen den Alltag prägen. Kaltplasma bietet hier eine lokale, gut steuerbare Option, die helfen kann, den Einsatz von Antibiotika und Immunsuppressiva zu reduzieren.

Neue Impulse durch kontaktfreie Applikation

Mit der Kooperation zwischen AMAMUS Vet und der Viromed Medical AG gewinnt die Technologie zusätzliche Dynamik. Im Zentrum steht ViroCAP® VET, eine neue Generation der Kaltplasma-Anwendung. Ein besonderer Fokus liegt auf der Behandlung von Otitiden – einem klassischen „Pain Point“ in der Kleintierpraxis. Bakterien und Hefen sitzen hier häufig nicht nur oberflächlich, sondern tief im Gehörgang, den flüssige Medikamente oft nur unzureichend erreichen.

Die kontaktfreie Applikation des ionisierten Gases erlaubt es, den gesamten Gehörgang gleichmäßig zu behandeln – ohne Sonde, ohne Sedation und für das Tier nahezu stressfrei. „Das Kaltplasma verteilt sich im gesamten Kanal und erreicht auch schwer zugängliche Bereiche“, so Lang. Gleichzeitig lassen sich in vielen Fällen Antibiotikagaben und aufwendige Antibiogramme vermeiden.

Neben der Dermatologie rücken zunehmend Indikationen in den Fokus, für die bislang nur unbefriedigende Therapien zur Verfügung standen, etwa das Licking Granuloma. Während früher häufig eine langfristige Immunsuppression notwendig war, zeigen sich heute bei vielen Patienten gute lokale Erfolge nach wenigen Kaltplasma-Behandlungen. „Das sind genau die Fälle, bei denen Kolleg:innen sagen: Dafür brauche ich dieses Tool“, beschreibt Lang. Kaltplasma schließt hier echte Versorgungslücken.

Skepsis, Evidenz und Alltagstauglichkeit

Skeptische Stimmen gebe es weiterhin, allerdings seltener und meist ohne vertiefte Auseinandersetzung mit der Methode. Das Argument einer angeblich fehlenden Evidenz greife zu kurz: International existieren inzwischen mehrere tausend wissenschaftliche Publikationen zu Kaltplasma im Human- und Veterinärbereich. Die Grundlagen sind gut beschrieben – antimikrobielle Effekte sowie eine nachgewiesene Stimulation der Zellregeneration.

„Evidenzbasierte Medizin bedeutet reproduzierbare, verlässliche Ergebnisse – nicht zwangsläufig für jede Indikation eine placebokontrollierte Studie“, betont Lang. Entscheidend für den Erfolg sei zudem die strukturierte Einführung in der Praxis. AMAMUS Vet setzt dabei auf Team-Schulungen, Follow-up-Termine und einen engen persönlichen Austausch. „Viele Geräte scheitern nicht an der Technik, sondern an der Implementierung“, so Lang.

Fest steht: Kaltplasma hat die frühe Anwenderphase hinter sich gelassen. Für viele Praxen ist die Technologie heute kein Experiment mehr, sondern ein praxisnahes Werkzeug mit klaren Anwendungsfeldern und dem Potenzial, therapeutische Routinen nachhaltig zu verändern.