Der Weg zur eigenen ophthalmologischen Kompetenz
Die Nachfrage nach Spezialisierung in der Kleintiermedizin steigt. Gleichzeitig zeigt sich im Alltag eine Lücke: Zwischen Fortbildung und tatsächlicher Umsetzung bleibt häufig ein entscheidender Schritt aus. Genau hier setzt Dr. Jens Linek an. Der 66-jährige Ophthalmologe und Mitgründer der Veterinary Specialists Hamburg hat nach mehr als drei Jahrzehnten in der aktiven Tiermedizin ein Mentoring-Konzept entwickelt. Er verbindet strategische Unternehmensberatung mit individuellem Mentoring. Andreas Moll hat sich mit Linek über dessen ophthalmologisches Mentoringprogramm unterhalten.
Viele Tierärzt:innen investieren Zeit und Geld in hochwertige Fortbildungsprogramme. Doch nach Abschluss stellt sich häufig die gleiche Frage, wie es weitergeht. Wissen ist vorhanden, jedoch fehlt die Routine. Die praktische Umsetzung im eigenen Setting bleibt unsicher. Linek beschreibt diese Phase als entscheidenden Moment: „Die praktische Anwendung vor Ort ist der Engpass.“ Online-Fortbildungen und modulare Kurse vermitteln Theorie, aber keine Sicherheit an der Spaltlampe, keine Routine im indirekten Ophthalmoskopieren und keine Souveränität im Gespräch mit anspruchsvollen Tierhalter:innen. Genau hier setzt das Mentoring mit strukturierter Anwendung im realen Praxisalltag an.
Für Linek steht dabei nicht primär der wirtschaftliche Aspekt im Vordergrund. Vielmehr geht es ihm darum, eine strukturelle Lücke zu schließen, die er seit Jahren beobachtet: Tierärzt:innen absolvieren Fortbildungen, entwickeln Interesse an einem Spezialgebiet – bleiben jedoch ohne praktische Begleitung im Umsetzungsprozess stehen. Mentoring versteht er daher als Brücke zwischen Weiterbildung und echter Handlungssicherheit.
Drei Wege zur Spezialisierung
Wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert, zeigen drei sehr unterschiedliche Pilotprojekte: In Stuttgart begleitete Dr. Jens Linek Tierärztin Karen Lührs in der Praxis Dr. Morlock. Sie hatte bereits eine ophthalmologische Weiterbildung absolviert, jedoch fehlte die Sicherheit im nächsten Schritt. Durch gezieltes Hands-on-Training und strukturierte Supervision gewann sie nicht nur fachliche Präzision, sondern auch neue Motivation.
Im Tierärztlichen Zentrum für Kleintiere in Herford arbeiten die Praxisinhaber Philipp Schledorn und Christian Dickmann mit Linek zusammen, nachdem durch die temporäre Abwesenheit eines Kollegen eine ophthalmologische Lücke entstanden war. Tierärztin Britta Levenig hat die Chance genutzt, unterstützt durch kontinuierlichen Austausch und Rücksprachemöglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen und ihre ophthalmologische Kompetenz gezielt auszubauen.
Einen anderen Fokus hatte die Zusammenarbeit mitAndrea Wirth in der Tierarztpraxis Wirth in Achterwehr. Hier eröffnete der Rückzug eines regional tätigen Kollegen ein strategisches Versorgungsfenster. Neben der Weiterentwicklung diagnostischer Fähigkeiten wurde auch das Praxisumfeld analysiert. Spezialisierung wurde somit nicht nur medizinisch, sondern auch unternehmerisch gedacht.
Der Blick aufs Ganze: Praxis, Team und Umfeld
Das Mentoring beginnt mit einem strukturierten Videocall. Motivation, Caseload, Teamstruktur und Zielsetzung werden analysiert. Vor Ort beobachtet Linek nicht nur Untersuchungstechniken, sondern auch die Effizienz der Abläufe, das Zeitmanagement in der Sprechstunde, die Zusammenarbeit mit TFAs sowie die Kommunikation mit Tierhalter:innen. Der Einstieg ist bewusst niedrigschwellig gehalten: In einem ersten Gespräch wird gemeinsam geprüft, ob eine Zusammenarbeit sinnvoll ist und welches Entwicklungspotenzial realistisch besteht.
Spezialisierung muss sich auch tragen
Das dreimonatige Mentoring umfasst Praxisbesuche, kontinuierliche Fallbegleitung und eine klare Perspektive – auch chirurgisch. Die Investition ist kein Impulsseminar, sondern eine strukturierte Aufbauphase. Ziel ist es, Ophthalmologie nicht als Prestigeprojekt zu etablieren, sondern als wirtschaftlich tragfähiges Leistungsfeld.
Das VSMP ist dabei bewusst nicht ausschließlich auf die Ophthalmologie beschränkt. Das Konzept ist so angelegt, dass es – bei entsprechender Auswahl geeigneter Mentor:innen – perspektivisch auch auf andere Fachbereiche wie Kardiologie, Zahnheilkunde oder weitere Spezialisierungen übertragen werden kann. Die Idee dahinter: Spezialisierung soll unabhängig vom Fachgebiet strukturiert implementierbar werden. Das Interesse an diesem Ansatz reicht inzwischen über Deutschland hinaus. So gibt es bereits konkrete Überlegungen, das ophthalmologische Programm in englischer Sprache in ausgewählten Praxen in Dänemark zu pilotieren.
Andreas Moll